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Die israelische Siedlerin Sarina Atuk telefoniert mit Verwandten, während die Familie sich auf den Abzug aus ihrem Haus in der jüdischen Siedlung Morag vorbereitet.

Foto: APA/EPA/Orel Cohen
In Neve Dekalim, mit 2700 Einwohnern die Minihauptstadt der Juden im Gazastreifen, hatte Jaffa Michaeli eines der beiden Restaurants geführt. Der kleine Familienbetrieb hieß "Taam schel Paam" ("Der Geschmack von dazumal"), was jetzt wie bittere Ironie klingt, denn seit letztem Wochenende ist die Tür versperrt, und Theke und Küchengeräte sind abmontiert.

In ihrem Häuschen in der drei Kilometer entfernten Landwirtschaftssiedlung Gedid, wo sie 15 Jahre lang gewohnt hat, wandert die junge Großmutter mit ihrer kleinen Enkelin an der Hand nervös zwischen abgehängten Bildern, aufgestapelten Schubladen und an die Wände gelehnten Kastentüren umher. Ihr Mann ist unterwegs, um sich um die Lagerung des Restaurantinventars und den Abbau der Gewächshäuser zu kümmern, die die zweite Einkommensquelle der Familie waren. "Wir wollten das hinauszögern, aber es ging nicht mehr", sagt Michaeli, "wir müssen alles einpacken, es bleibt keine Zeit, es ist aus."

An jenen Punkten des Siedlungsblocks Gush Katif, wo die Mehrheit der "Gemäßigten" zu Hause ist, waren in den letzten Tagen immer mehr Transportcontainer zu sehen. Das Hab und Gut, das am 17. August noch da ist, wird von der Armee fortgeschafft, und die Besitzer können nicht sicher sein, dass sie es jemals wieder finden. Zudem büßen sie einen Teil der finanziellen Abfindung ein. Bis zum Beginn dieser Woche hatten sich erst 200 der rund 1500 Siedlerfamilien schon eine provisorische Bleibe gesichert, insgesamt 1000 hatten sich zumindest bei der "Abzugsbehörde" registrieren lassen. Für die nächsten Tage rechnet man mit einem anschwellenden Strom von Umsiedlern, denen zunächst rund 850 Mietwohnungen und 1000 Hotelzimmer im ganzen Land zugewiesen werden sollen.

Neues Dünendorf

Das verblüffendste Projekt und jetzt die begehrteste Anlaufstelle ist Nitzan, eine Art riesiges Schrebergartendorf, vom Verteidigungsministerium binnen Wochen in rund 50 Kilometer Entfernung aus dem Dünenboden gestampft. Die "Karavillas" – eine Wortkombination aus‑ Karavan, weil es Fertigteilhäuschen sind, und Villa wegen der relativ luxuriösen Ausstattung – haben 60 oder 90 Quadratmeter, gelbe Außenwände, rote Schindeldächer, ein bisschen grünen Rasen drum herum und natürlich Klimaanlagen. Viele sind schon bezugsfertig, aber die fürs Endstadium geplanten 320 Stück reichen nicht für alle Gaza-Siedler aus.

Max Sabag, ein 41-jähriger Lastwagenlenker, strahlt übers ganze Gesicht, weil er gerade die Schlüssel bekommen hat – mit seiner Frau und dem kleinsten der drei Kinder inspiziert er die vier leeren Zimmer: "Ich habe gewartet, bis sie mir 90 Quadratmeter geben und nicht nur 60, dann habe ich's genommen."

Jetzt kann er die Möbel aus Nissanit herüberholen, einer der "säkulären" Siedlungen, wo er elf Jahre lang gelebt hat und die jetzt schon fast verlassen ist – im Gegensatz etwa zu Atzmona, einer religiösen Landwirtschaftsgemeinde. Die Menschen hier planen keine Widerstandsaktionen, aber sie wollen bis zum letzten Augenblick ihren Alltagsbeschäftigungen nachgehen. Der Stolz von Atzmona ist die gigantische Gärtnerei – ihre fast zwei Millionen Topfpflanzen könnten einen Umzug wohl ohnehin nicht überleben. "Wenn die Soldaten kommen, werde ich ihnen Kaffee und Kekse anbieten – das sind ja unsere Freunde", sagt der 33-jährige Lior Esra, ein früherer Lehrer, der jetzt den Paprikaanbau leitet, beinahe amüsiert. Wohin er mit seinen vier Kindern gehen wird, weiß er nicht: "Vielleicht kann ich bei Ihnen wohnen?", fragt er den Reporter. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.08.2005)