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Szene aus dem Stueck "YDP III- Phaidra"

FOTO: APA/ SALZBURGER FESTSPIELE
Salzburg - Ein betagtes Ehepaar mit Gehhilfe hielt es gegen Schluss des Ungarn-Gastspiels im Salzburger republic nicht mehr aus und versuchte die Flucht von der Publikumstribüne, worauf sich Schauspieldirektor Martin Kusej rührend-unauffällig um die gerissenen Geduldsfäden kümmerte. Solche erste Hilfe wünscht sich in diesen Tagen gar mancher, denn äußerst langatmig zelebrierte Literaturmarterung scheint hier immer öfter unter dem Nebel avantgardistischen Werkstattflairs Programm zu sein.

Das Young Direktors Projekt könnte auch als Testanordnung zur Ausforschung von Zumutbarkeitsgrenzen verstanden werden. Nicht, weil sich wieder einmal alles um den entblößten Pimmel samt anatomisch passendem Futteral dreht. Das hebt schon lange nicht mehr den Blick.

Aber was Árpád Schilling mit dem gestelzt klassizistisch tönenden, mit Geschrummel und Dreimäderlhaus-Diskant aufgemascherlten Phaidra- Verschnitt an scheinexperimenteller Verunstaltung anrichtet, geht bei keinem Regieanfängerseminar heute noch durch. Ungarns führender Jungtheatermacher hat das Recht, beflügelt von der Wut auf wild wuchernden Ost-Neoliberalismus und dem Mitleid für die Verlierermasse, den altgriechischen Generationskonflikt zum Vehikel einer ironisch-zynischen Gegenwartsabrechnung zu machen. Platter und plakativer lässt sich aber weder der Vater-Sohn-Kampf zwischen Theseus und Hippolyt noch dessen sexuelle Tragödienfesselung an die halbanimalische Stiefmutter Phaidra ruinieren.

In Tateinheit mit Autor István Tasnadi zieht Schilling den brisanten Parallelstoff auf die Ebene gynäkologischer und urologischer Quasselshows. Die Mischung zwischen frühabendlichem, sich um Unterleibsbefindlichkeiten drehenden Quotenhit und Fernsehdoktor tangiert die Grenze zum Bedenklichen.

Auch wenn in Restbeständen der Ernsthaftigkeit zu spüren ist, dass hier eine alte zivilisationskritische These aufgegriffen wird, wonach der Verlust der Beziehung zum Analen und Fäkalen zur Einbuße des gesamten Körperlichen, Menschlichen führt.

Das Mixensemble spricht auf leidlichem Niveau, Dorottya Udvaros liefert hysterische Blasenbetrachtungen auf Ungarisch. Wer an Masturbationsnachhilfen und Menopausenproblemen interessiert ist, kann sich am Bildschirm informieren. Manch einer lechzt allerdings nach genereller Theaterpause. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.8.2005)