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Michaelle Jean

Foto: REUTERS/CHRIS WATTIE
Eine Immigrantin. Flüchtling aus Haiti. Eine Schwarze in weißer Umgebung. Michaelle Jean schien die Götter gegen sich zu haben. Aber im modernen Kanada ist vieles möglich, was anderswo unvorstellbar ist: Der kanadische Premierminister Paul Martin hat die

in Haiti geborene Fernsehjournalistin zur Generalgouverneurin gemacht, zur Repräsentantin von Elizabeth II.

Die britische Queen ist noch immer das Staatsoberhaupt Kanadas. Das ist eine verstaubte Tradition, aber die

48-jährige Jean wirkt wie ein frischer Wind: schön, scharfsinnig, gewandt in fünf Sprachen – und schwarz.

Ihre Vorfahren seien Sklaven in Haiti gewesen, das erwähnt Jean immer wieder: "Ich habe einen langen Weg zurückgelegt." Ihre Hautfarbe steht ihr heute nicht mehr

im Weg wie damals, als sie knapp zehnjährig in Kanada mit ihrer Familie ankam, auf der Flucht vor dem Diktator Papa Doc Duvalier, der ihren Vater, einen Lehrer, in Haiti foltern ließ.

An ihrem ersten Tag in der neuen Heimat lief sie barfuß aus dem Haus, wie sie es in Haiti getan hatte – direkt in den Schnee. Sie musste sich auch an die rassistischen Beschimpfungen der Arbeiter in einem öden Bergbau-Städtchen in der Provinz Quebec gewöhnen, wenn sie zur Schule lief. Ihrer Mutter, einer Krankenschwester, die heute an der Alzheimer-Krankheit leidet, war die Ausbildung der Töchter wichtig.

Jean studierte Sprachen an der Universität, übte sich in afrikanischem Tanz und im Journalismus. Sie lehrte später Literatur an der Universität Montreal und entdeckte, dass die Kommunikation mit Menschen ihr wahres Talent ist. Sie begann eine Karriere beim französischsprachigen Sender der Fernsehgesellschaft CBC: Ihre Reportagen und Interviews machten sie bekannt, sie erhielt Preise für die Dokumentarfilme, die sie zusammen mit ihrem Ehemann Jean- Daniel Lafond drehte. Die beiden adoptierten ein heute sechsjähriges Mädchen namens Marie-Eden aus Jeans Heimatstadt in Haiti. Die Familie wird ab Ende September im Amtspalast Rideau Hall in Ottawa leben.

Als Generalgouverneurin wird sie die britische Monarchie auf offiziellen Anlässen in Kanada vertreten. Ihr soziales Engagement, die Arbeit als Freiwillige in einem Haus für misshandelte Frauen und ihre linken Ansichten sieht sie nicht als Widerspruch zu ihrer neuen Aufgabe. Sie glaubt, ihre Ernennung werde eine Inspiration für viele sein. "Ich will, dass jedes Kind weiß, dass es möglich ist, einen Traum zu leben und diesem Traum zu folgen", erklärte sie.

Ihr eigenes Kind Marie- Eden hat das offenbar schon kapiert: Ihr Traum sei ein kleiner Hund, sagte das Mädchen. Den bekommt die Sechsjäh^rige in wenigen Wochen, wenn die Familie im September nach Ottawa umzieht. (DER STANDARD, Print, 13./14.8.2005)