Cannes 1984: Es regnet, stürmt. Erst zum Ende am 23. Mai hellt sich der Himmel auf, Fans und Kritiker sind sich einig, der beste Film des Festivals ist Paris, Texas . Die Goldene Palme geht an Wim Wenders. Ex-Berlinale-Chef Wolf Donner notiert, dass Wim Wenders mit diesem Film die "Eroberung von Fort Cannes" gelungen sei. Tatsächlich hat Wim gemeinsam mit Freund und Drehbuchautor Sam Shepard, mit den großartigen Hauptdarstellern Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton, der grandiosen Musik von Ry Cooder und der atemberaubenden Kamera von Robby Müller ein Meisterwerk geschaffen.

Dies ist wahrscheinlich das außergewöhnlichste Werk europäischer Filmkunst, das je in Amerika - dort liegt das Wender'sche Paris in Texas - realisiert wurde. "Nichts jedenfalls ist mehr wie vorher", schreibt auch Florian Hopf im Berliner Tip, und Wim sieht seinen Erfolg auch als filmpolitischen Durchbruch für den Autorenfilm. "Diese Geschichte wollte ich mit einer intensiven Lust erzählen, was das Zeug hält", so Wim über die Magie der Geschichte. Das Schöne an solchen Meisterwerken ist, dass man sie immer wieder ansehen kann und doch noch neue Dimensionen entdeckt wie bei Paris, Texas im Dialog: Travis und sein Sohn Hunter suchen Hunters Mutter Jane. Die Aussprache zwischen Travis und Jane gehört zu den schönsten und bewegendsten Momenten der Kinogeschichte, beide können ihre Geschichten nur abgewandt vom Anblick des anderen erzählen.

Wunderbar auch die Farbdramaturgie: Bei seinem ersten Auftritt trägt Travis eine rote Mütze. Später wird sie durch ein rotes Hemd ersetzt, als er mit seinem Sohn, ebenfalls im roten Hemd, das rote Auto der Mutter verfolgt, die ihrerseits beim ersten Gespräch mit Travis im roten Pulli und mit roten Lippen in einem rot eingerichteten Zimmer sitzt. Doch die Farbe Rot, die für die Liebe steht, passt nicht zur Vater-Mutter-Beziehung. Liebe kann es zwischen diesem Mann und dieser Frau nicht mehr geben. Als die Mutter am Ende den Sohn wieder sieht, sind beide in Grün gekleidet - denn für die Zukunft der beiden gibt es Hoffnung. Das ist schön, sehr schön. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14./15.8.2005)