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Szene aus dem Srebrenica-Video

Foto: AP
Wien - Seit dem 1. Juni 2005 ist Jovan Mirilo ein gefährdeter Mann: An diesem Tag strahlte das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ein Video aus, das die Erschießung von sechs Bosniern im Juli 1995 in der Nähe von Srebrenica durch Männer in serbischen Uniformen zeigt. Mirilo hatte es mit an die Öffentlichkeit gebracht. In seiner Heimatstadt, dem serbischen Grenzort Sid, hat er nun die Bevölkerung gegen sich, berichtete er am Sonntag bei einem Pressegespräch im Wiener ARD-Studio, nach einem dreiwöchigen Erholungsurlaub mit seiner Familie in Tirol.

Band war in Videothek erhältlich

Der 40-jährige war mit Mitgliedern der ehemaligen serbischen Polizei-Spezialeinheit "Skorpione" aufgewachsen, die für die Erschießung verantwortlich ist. Er wusste, dass Material existierte. Viele andere aus der Ortschaft wussten es auch: Das Video konnte sogar jahrelang in einer Videothek in Sid ausgeliehen werden. Einem Jugendfreund gehörte die Kamera, mit dem das Video gedreht wurde. Dieser verwaltete das filmische und fotographische Material der "Skorpione" und gab Mirilo auch das Band, der es an die Leiterin des Belgrader Menschenrechtsfonds, Natasa Kandic, weiterleitete.

Vor "acht bis neun Monaten" habe er es zum ersten Mal gesehen, erzählte der Kriegsdienstverweigerer, der die Zeit des Krajina-Konflikts in Deutschland verbrachte. Den Entschluss, das Beweismaterial Den Haag zukommen zu lassen, fasste Mirilo nach eigener Aussage, als einer der Todesschützen im serbischen Fernsehen in seiner Funktion als Präsident des nationalen Karpfenfischerverbandes auftrat. In dem Beitrag rief dieser die Jugend dazu auf, sich dem Angelverband anzuschließen, unter dem Motto: "Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist". Auf dem Screbrenica-Video schoss dieser Mann einem 14-jährigen Jungen in den Rücken. "Das brachte das Fass zum Überlaufen", sagt Mirilo.

Das Video löste in Serbien einen Aufschrei aus, zeigte es doch erstmals die Beteiligung serbischer Einheiten an der Ermordung von Bosniaken aus Srebrenica. Vor dem 1. Juni 2005 wurde in Sid "ganz normal" über die Verbrechen geredet, "wie über ein Fußballspiel", berichtete Mirilo. Das sei nun vorbei. " Alle bisherigen Beweise (für die Verwicklung serbischer Einheiten an den Massakern an Bosniern, Anm.) konnte man anzweifeln", sagte Mirilo. Nach der Video-Kassette sei das nicht mehr möglich. "Der Boden des Widerstandes hat ein bisschen nachgegeben", meint er zu den Auswirkungen des Videos in Serbien.

Fünf Verhaftungen

Verhaftet wurden seitdem fünf der Todesschützen, berichtet Mirolo. Ein weiterer sitze in Kroatien in Haft, ein siebenter sei in Frankreich auf der Flucht. Keiner davon sei aus Sid. Der Mann, der die Szene drehte, arbeitet immer noch an der Kasse eines Supermarktes in der Ortschaft, in dem Mirilos Frau Dragana Djakovic regelmäßig einkauft. Menschen, die so dachten wie er, seien ihm dort noch nicht begegnet. Sid gilt als Hochburg der Serbischen Radikalen Partei (SRS), deren Anführer Vojislav Seselj in Den Haag auf seinen Prozess wartet.

Nun ist die Familie großem Druck ausgesetzt, bis hin zu Morddrohungen, wie sie sagen. Dragana Djakovic erzählt, dass die Frau eines Verhafteten versucht habe, sie mit dem Auto anzufahren, 20 Tage nach der Veröffentlichung der Filmaufnahmen. Ein Bruder eines Angeklagten habe vor ihm auf den Boden gespuckt und gesagt: "Deine Zeit ist abgelaufen", berichet Mirilo. Bis Ende August solle die Untersuchung über das Video abgeschlossen sein, dann könne mit einer Anklageerhebung gerechnet werden. Mirilo hat seine Aussage vor dem serbischen Sondergericht schon gemacht.

Die Familie, neben Mirilo und Djakovic auch die dreieinhalb-jährige Tochter Marija, lebt inzwischen zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Die wenigen Freunde, die er habe, trauten sich nur über das Telefon, mit ihm zu sprechen, berichtet der Serbe. Trotzdem denke die Familie nicht daran wegzuziehen. "Dort wohnen wir." Sie wüssten zwar, dass sie gemieden werden, aber sie hofften, das gehe vorbei.

Fraglich ist, ob das rasch der Fall sein wird. Es gebe Fotografien zu Kriegsverbrechen der "Skorpione" in Bosnien, Kroatien und im Kosovo, die er gesehen habe und die inzwischen in Den Haag seien, sagt der inzwischen Arbeitslose. Und er habe eine Überraschung "für die Öffentlichkeit in Serbien", kündigte Mirilo an. Zwar wollte er keine Details nennen, da die Sache noch "nicht ganz geregelt" sei. Auf die Frage, ob es dabei aber um weiteres Material zu möglichen Kriegsverbrechen gehe, antwortete er: "Könnte man sagen." (APA)