Die Frage, wie die Welt, die so lange auseinander gerissen gewesen ist, wieder zusammenwachsen wird, ist eine, welche die österreichische Politik wenn schon nicht beschäftigt, so doch beschäftigen müsste. Diesbezügliche Sonntagsreden hört man allerorten, vor allem dann, wenn einschlägige Aktivitäten mit möglichen Posten verbunden sind, weshalb kaum einer der Sonntagsprediger sich in den Kot von Nickelsdorf begibt, wo das Zusammenwachsen auf eine recht unprätentiöse - und also postenlose - Art und Weise funktioniert.

Im österreichisch-slowakisch-ungarischen Grenzdorf Nickelsdorf war "Nova-Rock". Am Löver in Sopron war "Volt", in Budapest ist "Sziget" und in Wiesen war und ist "Wiesen". Und Europas Jugend fährt dahin und dorthin und erlebt so den Kontinent nicht nur in seiner politischen Breite, sondern auch in seiner kulturellen Tiefe. Walter Pinter, Marketingchef der Traditionsfestivals im burgenländischen Wiesen: "Die Leute fahren auch nach Barcelona, wenn es dort ein interessantes Musikfestival gibt." Oder eben nach Budapest, wo sich auf der Donauinsel bei Óbuda ein Openair in den europäischen Festivalkalender gemausert hat, das mittlerweile auch und gerade dem größten Festival der Gratisflitzer - Wiens Donauinsel - das Wasser reicht.

Wechselkurs

Dass sommerliche Openair-Festivals mittlerweile eine europäische Dimension gewonnen haben, sieht auch Wiesens Chef Franz Bogner, der sein als Woodstock der Wiener vor 30 Jahren ins Leben gerufenes Musikfest selbst gegen den eigenen Bürgermeister zur Erfolgsgeschichte gepusht hat. "Ich steh auf Ungarn", sagt er, "wir haben dieselbe Mentalität, Sopron ist unser städtisches Zentrum." Allerdings sagt er, der in seiner ganzen Musikverrücktheit ja auch ein Ökonom sein will und muss, auch: "Früher hat uns der Eiserne Vorhang getrennt, heute der Wechselkurs." Natürlich kämen auch Leute aus Sopron nach Wiesen. Aber erstens "nur wenige". Und zweitens "haben sie mit dem Volt-Festival ja auch was Eigenes". Daneben gebe es zahlreiche Festivals auch in Györ. Von Budapest gar nicht zu reden.

Schnelligkeit

Wiesen könne personalkostenmäßig und also mit den Eintrittspreisen da nie und nimmer mit. Deshalb gelte es, "sich programmatisch zu positionieren". Weg von den "Headlinern", Starensembles, die zum Beispiel 40 Prozent der Einnahmen als Gage verlangen. "Natürlich ist für die entscheidend, ob 8000 kommen oder 30.000."

Wiesen gehe da andere Wege. "Wir müssen neue Formate überdenken." Vor dreißig Jahren habe man mit dem Jazzfestival begonnen. Vor zwanzig Jahren sei das Sunsplash dazugekommen, vor zehn das Forestglade. Heuer habe man mit dem Urban Art Forms etwas Neues probiert. "Der Rhythmus der Innovation stimmt also."

Und also sagt der unermüdliche, sich stets neu in die Welt stellende, immer noch dem ursprünglichen Traum vom friedlichen, musikvernarrten Camper hinterherrennende Franz Bogner. "Wir müssen uns bewegen, immer schneller als die anderen sein, die Nase im Wind haben. Das ist Wiesen." Speed kills. Auch in Wiesen, wo schon vor dreißig Jahren nicht bloß Musik gespielt wurde. Sondern ein Lebensgefühl inszeniert. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14./15.8.2005)