Athen - Die am Sonntag in Griechenland abgestürzte Boeing 737 flog laut Regierungsangaben bis zu drei Stunden per Autopilot in etwa 10.400 Metern Höhe. Schließlich ging der Treibstoff aus und sie zerschellte in den Bergen vor Athen, wobei die meisten der 121 Passagiere bis zuletzt am Leben waren.

26 Leichen identifiziert

Nachdem die Piloten aus mysteriösen Gründen das Bewusstsein verloren hatten, versuchten zwei Personen offenbar, im Cockpit die Kontrolle zu übernehmen, sagte Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos. Nach der Autopsie der 26 bis zum Dienstag identifizierten Leichen gehen die Athener Gerichtsmediziner davon aus, dass sie bis zum Absturz lebten.

Unter den untersuchten Opfern befanden sich auch der Kopilot und ein Flugbegleiter, der sich beim Absturz im oder vor dem Cockpit befunden haben muss. "Seine Lungen und sein Herz arbeiteten", sagte Nikos Kalogrias über den Flugbegleiter. "Er lebte bis zum Absturz und starb an den dabei erlittenen Verletzungen."

Kopilot brach über Konsole zusammen

Die Piloten der zwei griechischen Kampfjets, die das Unglücksflugzeug bis zum Absturz begleiteten, sahen, wie der Kopilot über der Steuerkonsole zusammengebrochen war. Der erste Pilot, ein Deutscher, sei offenbar nicht im Cockpit gewesen, sagte Roussopoulos. Die Sauerstoffmasken hätten unbenutzt von der Decke gebaumelt. Ob es sich bei den Personen, die die Steuerung des Flugzeuges übernehmen wollten, um Crew-Mitglieder oder Passagiere handelte, sei nicht zu erkennen gewesen.

Sauerstoffmasken unbenützt

Die Behörden erklärten noch am Sonntag, ein technischer Defekt habe offenbar zu einem Druckabfall in großer Flughöhe geführt. Die Piloten meldeten eine halbe Stunde nach dem Start im zypriotischen Lanarka Probleme mit der Klimaanlage. Ein Sprecher der zyprischen Fluggesellschaft Helios Airways sagte indes, die erst 1998 gebaute und bis 2004 von der Deutschen BA geflogene Boeing sei ohne Mängel gewesen und erst vor einer Woche überholt worden. Bei einem Druckabfall wären überdies die Piloten die ersten gewesen, die ihre Sauerstoffmasken hätten aufziehen müssen.

Erschwert wird die Aufklärung des rätselhaften Absturzes, weil der Stimmrekorder möglicherweise nicht ausgewertet werden kann. Der Kasten, in dem sich der Rekorder normalerweise befindet, sei leer gewesen, sagte der Chef der griechischen Flugsicherheitsbehörde, Akrivos Tsolakis. Das Gerät wurde offenbar beim Aufschlag der Maschine aus der Verankerung geschleudert. "Einziger Lichtblick ist jetzt der Flugdatenschreiber." Dieser werde am Mittwoch nach Paris geschickt, um dort gelesen zu werden.

In der Hafenstadt Larnaka auf Zypern durchsuchte die Polizei die Büroräume von Helios Airways. Ein zypriotischer Regierungssprecher sagte, mit der Aktion sollten Dokumente und anderes Beweismaterial für die weiteren Ermittlungen sichergestellt werden.

Bereits früher Probleme beim Luftdruck-System ?

Bei der zypriotischen Unglücksmaschine gab es nach Angaben eines ehemaligen Chefingenieurs bereits am 18. Dezember 2004 ein massives Problem mit dem Luftdruck-Ausgleichsystem. Das sagte der Ex-Chefingenieur der Fluggesellschaft Helios Airways, Kyriakos Pilavakis, am Dienstag im staatlichen zyprischen Fernsehen RIK.

"Die Maschine hatte damals ein erhebliches Problem mit dem Luftdruck-Ausgleichsystem. Der Pilot musste von 30.000 auf 10.000 Fuß (von 12.000 auf 3.000 Meter) runtergehen", sagte er. Das Flugzeug habe auf Zypern notlanden müssen. Danach blieb es fünf Tage auf dem Boden, um überprüft zu werden. "Anschließend schickten wir sie nach Großbritannien, wo sie erneut vier Tage lang kontrolliert wurde", sagte der Ex-Chefingenieur. Pilavakis hatte am 1. April dieses Jahres gekündigt.

Staatstrauer

In Griechenland wurden zum Zeichen der Trauer die Fahnen an allen öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt. Mittags sollten drei Schweigeminuten eingelegt werden.

Die zypriotische Justiz hat Untersuchungen aufgenommen. Mitarbeiter und ehemalige Helios-Passagiere werden über ihre Erfahrungen befragt. In der Nacht auf Dienstag hatte die Polizei bei einer Razzia in den Büros der Fluggesellschaft Beweismaterial über den Zustand der Maschinen sichergestellt.

Schwierige Identifizierung

Die Identifizierung der Opfer gestaltete sich schwieriger als erwartet. "Wir werden vermutlich mehrere DNA-Tests durchführen müssen", sagte der Gerichtsmediziner im griechischen Fernsehen. Drei Absturzopfer - darunter der deutsche Pilot - wurden noch nicht geborgen.

Die Boeing 737-300 der Fluggesellschaft Helios Airways war am Sonntag auf dem Weg von Zypern nach Prag abgestürzt. Es gab keine Überlebenden. Die Behörden vermuten als Unglücksursache, dass es Probleme mit der Klimaanlage und dem Luftdruck-Ausgleichsystem gegeben hat. (APA/dpa)