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Frère Roger, der 90-jährige Gründer der internationalen ökumenischen Gemeinschaft Taizé (Archivbild)

APA/Janek Skarzynski
Sie habe nur Frère Rogers Aufmerksamkeit erregen wollen, sagt die Frau, die das Oberhaupt der Brüder von Taizé erstochen hat. Sie gilt als nicht geisteskrank.

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Sie sangen und beteten und entzündeten Kerzen, um einander Trost zu spenden: Doch unter den Gläubigen in der St.-Agnes-Kirche, dem spirituellen Zentrum der ökumenischen Brüder von Taizé im französischen Burgund, waren am Mittwoch Schock und Trauer nach dem todbringenden Messerattentat auf ihr charismatisches Oberhaupt Bruder Roger, allgegenwärtig.

Abends davor, während des gemeinsamen Gebets, hatte sich eine Frau aus ihrer Mitte plötzlich erhoben. Vor den 2500 Anwesenden trat sie von hinten auf den 90-jährigen Frère Roger zu, zückte ein Messer und rammte es ihm dreimal in den Rücken. Der alte Mann fiel zu Boden – er war sofort tot.

Gläubige überwältigten die Attentäterin. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine 36 Jahre alte Rumänin, die sich Luminita nennt. Zwei Tage vor dem Attentat war sie in Taizé eingetroffen, ohne sich vorher angemeldet zu haben, hatte in einem Schlafraum der Gemeinschaft übernachtet. Schon im Juni sei sie ein paar Tage in Taizé zu Gast gewesen, berichteten Mitglieder der Bruderschaft. "Sie wollte nicht Mitglied der religiösen Gemeinschaft werden", erzählte Frère Maxime.

Das Messer habe sie am Montag in Cluny bei Taizé gekauft, sagte "Luminita" nach ihrer Festnahme: Für den mit den Ermittlungen beauftragten Staatsanwalt von Macon, Jean-Louis Coste, ein Indiz, dass es sich "vielleicht" um einen vorsätzlichen Mord gehandelt hat. Coste ordnete eine psychiatrische Expertise an, um den Geisteszustand der Attentäterin zu überprüfen. Vor der Polizei beteuerte diese, sie habe Frère Rogers keineswegs töten, sondern nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen.

Die Brüder von Taizé haben als Nachfolger ihres bisherigen protestantischen Oberhaupts indes den gebürtigen Deutschen und Katholiken Frère Alois ernannt. (bri, DER STANDARD – Printausgabe, 18. August 2005)