London - Nach der irrtümlichen Erschießung eines Brasilianers bei einem Anti-Terror-Einsatz in London reißen die Enthüllungen nicht ab. Wie die britische Zeitung "Daily Mirror" am Donnerstag berichtete, hatten die Polizeibeamten Anweisung, den 27-jährigen Elektriker Jean Charles de Menezes lebend zu fassen. Die mit der Beschattung von Menezes beauftragten Beamten hätten von ihrer Einsatzleiterin Cressida Dick Anweisung bekommen, den Mann noch vor Betreten des U-Bahnhofs Stockwell zu ergreifen, sagte ein ranghoher Vertreter von Scotland Yard dem Blatt. Ganz sicher habe sie niemanden angewiesen, Menezes zu erschießen.

Den Beamten gelang es jedoch nicht, den jungen Brasilianier zu ergreifen. Ob sie die Zeit hatten, das mit Schusswaffen ausgerüstete Sonderkommando in der U-Bahnstation über Dicks Anordnung zu informieren, sei Gegenstand der Ermittlungen einer unabhängigen Untersuchungskommission der Polizei, berichtete der "Daily Mirror" weiter. Laut dem Vertreter von Scotland Yard hingen Leben oder Tod des Brasilianers möglicherweise von "fünf Sekunden" ab. Menezes wurde am 22. Juli, einen Tag nach der zweiten Bombenserie in London, durch gezielte Kopfschüsse getötet.

Bereits vorher hatten Fotos und Zeugenaussagen die offizielle Version der Polizei in Misskredit gebracht, wonach sich Menezes durch ungewöhnlich winterliche Kleidung und Überspringen der Eingangssperre zur U-Bahn verdächtig gemacht habe. Der Fernsehsender ITV veröffentlichte am Mittwoch Fotos und Videoaufnahmen, die zeigten, dass der 27-Jährige eine leichte Jeansjacke trug, den U-Bahnhof langsamen Schrittes betrat und dabei noch eine Gratiszeitung mitnahm. (APA)