Berlin - Die gesellschaftspolitische Vierteljahreszeitschrift "Kursbuch" wird künftig von Tilman Spengler zusammen mit Michael Naumann in dessen "Zeit"-Verlag herausgegeben. Die Zeitschrift richte sich heute an Leser, "die sich berufsmäßig Zeit nehmen, sich selber fortzubilden, und die gibt es zahlreicher als allgemein angenommen", sagte der frühere Kulturstaatsminister und jetzige "Zeit"-Herausgeber Naumann am Mittwochabend bei der Vorstellung der neuen Ausgabe in Berlin.

Die Zeitschrift wurde vor 40 Jahren unter anderem von Hans Magnus Enzensberger begründet und galt lange als eine Art gesellschaftskritische "Hauszeitschrift" der rebellischen 68er Generation. Sie erschien früher im Suhrkamp Verlag und zuletzt bei Rowohlt.

Spengler ("Lenins Hirn"), der die Zeitschrift seit 25 Jahren herausgibt, würdigte den Wagemut Naumanns, der in seiner Generation kaum noch anzutreffen sei. Seinem "schlechten Ruf, ein Magazin der 68er zu sein" zum Trotz sei das "Kursbuch" heute "eine Veranstaltung von verschiedenen Leuten mit verschiedenen Meinungen, die von denjenigen ernst genommen wird, auf die es letztlich ankommt". Es gebe in Deutschland noch immer keinen anderen Platz für die ausführliche Form des Essays "voller Neugier und mit den Gedanken der Aufklärung".

"Wahl und Wählen - Schuld und Schulden"

Die neue Ausgabe widmet sich aus aktuellem Anlass den Themen "Wahl und Wählen - Schuld und Schulden" und enthält unter anderem Beiträge von Günter Grass, Uwe Timm, Ingo Schulze, Hans Eichel, Michael Naumann, Thomas Assheuer, Michael Jürgs und Franziska Augstein.

Von Grass wird ein Brief an den damaligen "Doppelkopf" der SPD, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, aus dem Jahr 1997 abgedruckt, in dem der Schriftsteller die Sozialdemokraten zur Einheit ermahnt: "Gemeinsam tragt Ihr Verantwortung, nur gemeinsam könnt Ihr gewinnen und nur gemeinsam wird Euch gegebenenfalls gratuliert werden können."

Naumann schreibt über "Die erfundene Generation" der 68er: "Zurzeit werden die 68er in aller höhnischen Form ins Rentenalter verabschiedet, als hätten sie zusammen mit Gerhard Schröder die Vertrauensfrage gestellt (...) und um jetzt, in der Stunde ihrer politischen Not, ihre verspätete Quittung zu erhalten. (...) Mag es sie 1970 schon nicht mehr gegeben haben, 2005 sind sie wieder da - die 68er, die alles, alles verdorben haben."

Die Herausgeber streben eine Auflage von 15.000 bis 20.000 Exemplaren an. Der Verkaufspreis beträgt zehn Euro. Laut Naumann lag die Auflage zuletzt bei etwa 8.000 Exemplaren. (APA/dpa)