In Russland lässt sich seit einigen Tagen eine massiv gesteigerte Lust an militärischen Manövern beobachten. Gleichzeitig wird im Nord- und im Kaspischen Meer für den Ernstfall geprobt, doch die bemerkenswerteste und von Beobachtern am intensivsten wahrgenommene Übung ist eine Art von militärischem Joint Venture zwischen Moskau und Peking, das am Donnerstag in Wladiwostok begonnen hat und sich danach in die ostchinesische Provinz Shandong ausweiten soll.

Beim Zustandekommen dieser Aktion sind die Russen offenbar ebenso über ihren Schatten gesprungen wie ihre chinesischen Nachbarn, denen sie seit Langem in einer notorisch zwiespältigen und von demografischen Ängsten geprägten Beziehung - 150 Millionen Russen stehen 1,3 Milliarden Chinesen gegenüber - verbunden sind. International ist sogleich ein heftiges Rätselraten ausgebrochen, was Moskau und Peking zu diesem Schulterschluss veranlasst hat und was sie dem Rest der Welt damit sagen wollen. Die von den Generalstabschefs beider Staaten vorgebrachte Beteuerung, die Manöver zielten "weder gegen Dritte, noch beträfen sie die Interessen eines Drittlandes", wird man, im engeren Sinne, so wohl glauben dürfen.

In einem weiteren, symbolischen Sinn verstanden, ist die Aktion allerdings sehr wohl eine Botschaft an einen Dritten, und der heißt, wenig überraschend, Washington. Das Manöver ist eine indirekte Protestnote gegen eine unipolare Weltordnung und eine Erinnerung daran, dass Russland und China auch gemeinsame Sache gegen die USA machen könnten, wenn es wirklich einmal hart auf hart ginge. An Gelegenheiten, an denen sich zwischen Russland und den USA bzw. China und den USA gröbere Konflikte entzünden könnten, herrscht kein Mangel: Der Bogen spannt sich vom Taiwan-Problem bis hin zur amerikanischen Präsenz im ölreichen und strategisch wichtigen Zentralasien, die Peking und Moskau ein Dorn im Auge ist.