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"Wie hieß noch gleich das Weibsstück, über das wir sangen?" Oasis-Sänger Liam Gallagher versucht, breitbeinig über die Arroganz- runden zu kommen.

Foto: apa/FRANZ NEUMAYR
Am ersten Tag des von vorderhand 40.000 Fans besuchten "FM4-Frequency"-Festivals in Salzburg erstrahlten die britischen Stadion-Pubrock-Genies von Oasis in fahlem Glanz. Dem gegenüber erleuchtet: Weezer und The Others


Salzburg – Früher waren wir jung. Und heute sind wir abgebrüht. Als Oasis am Ende des ersten Tages des Frequency- Festivals am Salzburgring endlich auf der Bühne stehen, muss man sich gerade im Zusammenhang mit dieser Band zweierlei fragen: Was treibt Multimillionäre wie das britische Brüderpaar Liam und Noel Gallagher eigentlich immer noch auf eine Bühne? Und warum soll man sich das anschauen?

Immerhin sind 40.000 junge Leute gekommen, um sich das anzutun. Zumindest oben auf der Bühne kann es definitiv nicht die Liebe zur Musik sein. So gelangweilt sah man selten jemanden auf der Bühne stehen. Wieder eineinhalb Stunden kostbarer Lebenszeit verronnen, die man daheim im Landhaus mit einem guten Glas britischer Hopfenplörre oder dem Schneiden der Heckenrosen verbringen könnte.

Mühsalbeladen heult Liam Gallagher den im zarten frühherbstlichen Frostbeulen-Melos verhangenen Mond des Salzkammerguts an, während er gallige Lagerfeuer-La-Le- Lus wie "Wonderwall" oder "Don't Look Back In Anger" in die Runde krächzt. Vorsicht, wenn du den Mond zu viel anheulst, schießt er mit Meteoren zurück! Gab es jemals einen ausdrucksloseren Sänger als Liam Gallagher? Ein Pop-Multimillionär wider Willen, der heute wahrscheinlich Hilfskraft bei einem Kohlenhändler wäre, wäre er nicht vor gut zehn Jahren von einem findigen Manager ins Rampenlicht gezwungen worden.

Dort steht er noch heute breitbeinig angewachsen vor dem Mikro, weil man in dieser Stellung nicht so leicht umfällt. Bevor wir jetzt ins Schwärmen über das Außermusikalische geraten: Dazu holzt sein Bruder Noel Gallagher mit angewidertem Bitte-hau-mich-Blick die bei den Beatles, Stones oder Kinks an sehr schlechten Tagen immer noch vorzufindende Resteleganz aus engen Gassenhauern.

Die auf dem aktuellen Album "Don't Believe The Truth" enthaltenen und hier bei Frequency zumindest zum Gaudium der Leute mit stressbedingtem Hörsturz hoppertatschig gestampfte Branntweinstuben-Gröl-Nummer Lyla oder das köstlich-blöde Turn Up The Sun, sie bilden einen neuen Tiefpunkt in dieser bemerkenswerten Karriere.

Allerlei Anregungen

Zur Entschuldigung des offenbar bereits mit Mitte 30 ausgebrannten Noel Gallagher sei angeführt, dass er die Lieder von Oasis nicht mehr allein aus der Musikgeschichte zusammenfindet. Auch die anderen Bandmitglieder betätigen sich neuerdings als Komponisten. Zumindest wurde das stilistische Spektrum durch das Dazukommen neuer Plattensammlungen mit "Velvet Underground" oder "The Soundtrack Of Our Lives" für Oasis-Verhältnisse geradewegs radikal modernisiert. Die Herren Künstler gehen übrigens davon aus, dass ihre vor allem auch über zugegeben köstliche Interviews verkaufte Verweigerung von Anstand, Würde und Copyrights bei der Jugend als "cool" gilt.

Das Publikum wollte sich auch nichts nachsagen lassen und hielt sich in seinem wilden Taumel wegen dieser göttlichen Musik milde zurück. Dass es die Liebe zur Musik nicht sein kann, aber viel Geld besser als wenig ist, zeigten nach dem Auftritt beim Nuke- Festival in Nickelsdorf jetzt auch die mit Mitte 30 etwas ältlich wirkenden Ringelpullover-Studenten der ebenfalls nicht ganz armen Band Weezer um Vorzeige-Nerd Rivers Cuomo.

Die alten Helden aus dem Hause des auf gar keinen Fall schmerzenden College-Rock, die lustige Lieder über das Haschischrauchen in die Hitparaden brachten, waren nach ihrer Hochzeit in den 90er- Jahren eigentlich rechtschaffen zerstritten. Aber wegen einer Frau namens Marie tut man sich auch als erwachsener Mann noch einmal dämliche Lacherfolge wie das neue Lied "We're All On Drugs" oder eine Schunkelnummer wie "Beverly Hills" an.

Musik ist nicht alles: Das war auch schon am frühen Abend den britischen Newcomern The Others um einen sichtlich derangiert im Publikum grölenden Dominic Masters klar. Auch die Haltung wird bewertet. Die Band, die wie einst schon Oasis vom britischen Plattenlabel-Boss Alan McGee entdeckt wurde, brachte ihre hemdsärmelige Verweigerungshaltung in Hymnen wie "Lackey" oder "This Is For The Poor" mit käsigem Bass und bratzigem Gitarrenlärm trotz erheblicher Angeschlagenheit ihres schlechte Laune wie ein junger Kriegsgott nach der Siegesfeier verbreitenden Frontmanns recht ordentlich über die Bühne. Andererseits: Wie sollte man diese Musik auch anders als betrunken über die Bühne bringen? Eben. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.8.2005)