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Die Räumung des Gazastreifens von israelischen Siedlern durch israelisches Militär lief bisher ohne ausgesprochen dramatische Vorkommnisse ab. Premier Ariel Sharon scheint sich mit seiner Politik durchzusetzen - ausgerechnet gegen jene Siedler-Bewegung, deren Mentor und tatkräftiger Unterstützer er seit Jahrzehnten war.

Für die Motive des rechten Hardliners Sharon, ein paar Tausend jüdische Siedler inmitten von mindestens 1,5 Millionen Palästinensern zu vertreiben, gibt es plausible Erklärungen: Erstens überdehnt es einfach die Kräfte der israelischen Armee und des israelischen Staates selbst, ständig ein paar Tausend Fanatikern vor ein paar Hunderttausend Fanatikern zu schützen.

"Frontbegradigung"

Zweitens kann die Gaza-Räumung als strategischer Rückzug und "Frontbegradigung" gesehen werden. Sharon will sich auf die Sicherung und den Ausbau der weit zahlreicheren Siedler - mindestens 250.000 - im besetzten Westjordanland konzentrieren. Dort sind in unmittelbarer Nähe zur "Grenze" zwischen Israel und den besetzten Gebieten, vor allem auch rund um Jerusalem, aber auch tief im Palästinenserland, ganze Städte entstanden, die Sharon nicht oder nur in geringem Umfang aufzugeben gedenkt. Diese Städte werden weiter ausgebaut (trotz des Missfallens der Amerikaner), und sie werden mit Sicherheitseinrichtungen versehen, die die palästinensische Westbank praktisch in mehrere, kaum zusammenhängende "Kantone" unterteilen.

Rückzug aus Gaza bedeutet demnach umso hartnäckigeres Festhalten an den Siedlungen im Westjordanland. Wobei es auch hier einen vermuteten "Endplan" Sharons gibt: Aufgabe von isolierten Siedlungen, dafür formelle Annexion der "grenznahen" Settlements, gegebenenfalls sogar mit territorialen Konzessionen an die Palästinenser anderswo.

Ein drittes mögliches Motiv für den Gaza-Rückzug, das in der New York Times diskutiert wurde, hat aber größere Implikationen: So fanatisch die bereits vorhandenen Siedler sind, es finden sich einfach nicht genug weitere Fanatiker, um Gaza wirklich besiedeln und halten zu können. Die Einwanderung nach Israel hat sich stark verlangsamt, und wenn auch viele darunter sind, die sich als von Gott ausersehene Siedler und Besetzer verstehen, so sind es doch bei weitem nicht genug, um der Siedler- (oder eher: Besetzer-) Bewegung genügend Schwung zu verleihen.

Zusätzliche Einwanderer für Siedlungspolitik benötigt

Sharon selbst hat einmal davon gesprochen, dass Israel eine Million zusätzliche Einwanderer benötigt, um die Dynamik der Siedlungen aufrecht zu erhalten und um vor allem die Dynamik der palästinensischen Bevölkerungsentwicklung auszugleichen. Die angesehene Tageszeitung Ha'aretz veröffentlichte Berechnungen, wonach gerade in diesen Tagen und Wochen zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer der numerische Gleichstand an Juden und Arabern erreicht worden sei.

Das heißt, in den besetzten Gebieten und in Israel selbst leben genauso viele Palästinenser wie Juden, also jeweils etwas über fünf Millionen (wobei die israelischen Araber rund eine Million ausmachen). Schon jetzt ist das Selbstverständnis Israels als "jüdischer Staat" durch die fast 20 Prozent israelischer Staatsbürger arabischer Abkunft in Frage gestellt. Würde Israel die besetzten Gebiete ganz behalten wollen, wäre das das Ende des Staates Israel selbst. In diesem Licht der bevölkerungspolitischen Realitäten muss man nicht nur den Abzug aus Gaza, sondern auch die weitere Zukunft sehen. (DER STANDARD, Printausgabe 20./21.8.2005)