Cartoon: STANDARD
Pfingsten ist schon einige Zeit her. Und doch scheint es, der Heilige Geist fahre derzeit derart flächendeckend auf Deutschland nieder, dass viele dort vor lauter Glauben auf das Denken vergessen hätten. Zur „Popemania“ (Financial Times Deutschland) findet sich kaum ein kritisches Wort. Auf allen Kanälen wird live mitgefrömmelt. Das katholische Kirchenmarketing hat ganze Arbeit geleistet. Und fast könnte der Eindruck entstehen, über das aufgeklärte Europa schwappe eine Welle wiedererweckter Gottesfürchtigkeit, Papst Benedikt XVI. habe „urbem et orbem“ ratzeputz im Sack.

Erstaunen

Bloß: Deutschland ist nicht die Welt. Und die 400.000 auf dem Weltjugendtag stehen nicht für eine ganze Generation. Das Religions-Rave und das rheinländische Remmidemmi können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich eine Mehrheit der Europäer lieber rechtschaffen in Säkularität als in religiöser Verzückung eingerichtet hat. Sie schaut – milde formuliert – mit Erstaunen auf den Kölner Kirchenevent.

Die Fragen lauten: Was, bitteschön, ist denn das für eine Veranstaltung? Und was, bitteschön, hat das alles noch mit mir zu tun? In der für solche Auftriebe praktisch konstitutiv bedeutungsschwangeren Atmosphäre lässt sich dies als ein aufrüttelndes Zeichen für die Glaubensgemeinschaften lesen. Anders gesagt: Wennschon der Kölner Konvent als ein Symbol für Jugendlichkeit und Vitalität der Kirchen interpretiert wird, dann ist die Zurückhaltung einer staunenden Mehrheit im Zusammenhang mit dem Weltjugendtag ein starkes Indiz dafür, dass mit einem gehypten Event und gelegentlicher Fußballstadienstimmung die Kluft zwischen weltlichem Europa und geistlicher Institution Kirche nicht zu schließen ist.

Versöhnung

Genau diese Versöhnung von Säkularismus und Kirche haben sich jedoch viele vom Intellektuellen Joseph Ratzinger nach dessen Wahl zum Papst gewünscht. Sein Vorgänger hatte die Massen in der Dritten Welt begeistert, Benedikt XVI. sollte die Kirche wieder in ein entchristianisiertes Europa zurückbringen. Nun jubeln auch ihm hunderttausende zu. Und er sagt, sie sollen ihre Herzen für Gott öffnen.

Für die Köpfe der „metaphysisch obdachlosen“ Europäer (das sagte der deutsche Kardinal Joachim Meisner vor dem Weltjugendtag) hat dieser Papst bisher aber nichts gefunden. Moral und Doppelmoral, Ambiguitäten und Ambivalenzen in der katholischen Lehre sind selbst unter dem breitesten Dach der Kirche vernünftig nicht nachzuvollziehen.

"Diktatur des Relativismus"

Natürlich, Ratzinger hat – als Papst – theologisch bisher noch wenig in die Welt gesetzt. Wer aber seine Predigt vor dem Konklave und die darin gegeißelte „Diktatur des Relativismus“ nimmt, kann erahnen, wohin die Reise gehen mag. Dinge mit Verstand und Vernunft zueinander ins Verhältnis zu setzen beschreibt den europäischen, auch christlich geprägten Weg des Rationalismus. Daraus sind Aufklärung, Trennung von Staat und Kirche, weltliche und liberale Gesellschaften entstanden.

Mit dem dogmatischen Absolutismus der katholischen Kirche verträgt sich das grundsätzlich nicht. Und Ratzinger hat klar gemacht, wo er steht – als Glaubenshüter und auch als Pontifex maximus. Und dass er seinen Standpunkt ändern könnte, lässt auch das freundlichste Lächeln in Köln nicht vermuten. Die Art, wie einfache Arbeiter nun den Weinberg des Herrn beharken, mag unter Jugendlichen in Köln und nationalstolzen Deutschen Applaus auslösen.

Eine kleine Gemeinschaft

Diesseits der „Popemania“, diesseits der jahrhundertelang erprobten katholischen Inszenierung bleiben die Fragen allerdings offen: Was ist das für eine Veranstaltung? Und was hat das mit mir zu tun? Als Joseph Ratzinger noch Kardinal und Chef der Glaubenskongregation in Rom war, hat er in einem Interview mit einer italienischen Zeitschrift gesagt, die Kirche werde schrumpfen und in Jahrzehnten möglicherweise nur noch eine kleine Gemeinschaft sein. Der intellektuelle Papst könnte damit Recht behalten. (Christoph Prantner, DER STANDARD Printausgabe, 20./21.08.2005)