Foto: Süddeutsche Cinemathek
Es gibt sie, die unvergleichlichen Kunstwerke, die auch bei wiederholtem Genießen nichts von ihrer geheimnisvollen Aura verlieren, ja von Mal zu Mal etwas hinzugewinnen. Nur ganz wenige Filme gehören in diese Kategorie, Filme, die auch beim x-ten Ansehen noch verblüffende Nebenaussichten eröffnen.

North By Northwest/Der unsichtbare Dritte (1959) ist ein solches Kunstwerk. Darum zunächst ein paar nüchterne Feststellungen. In North by Northwest hat Alfred Hitchcock das von ihm selber geschaffene Genre des kriminalistisch-komödiantischen Stationendramas - der Held wird von einem spektakulären Ort zum nächsten gehetzt (39 Stufen) - erotisch aufgeladen und zu 136 Minuten purer, pausenloser Schau-und Hörlust verdichtet.

Haben in seinen früheren Filmen Nationalmonumente wie die Freiheitsstatue, die Golden Gate Bridge oder die Royal Albert Hall schicksalhafte Rollen gespielt, so werden diesmal die heiligen Hallen der Uno in New York und die aus dem Fels gehauenen Präsidentenköpfe am Mount Rushmore lustvoll ironisch in den Strudel der abenteuerlichen Geschehnisse gerissen.

Roger O. Thornhill - in dieser Rolle kann Cary Grant wie nirgendwo sonst seinen komödiantisch-erotischen Charme spielen lassen - wird nach einer Folge fataler Missverständnisse von zwei verfeindeten Geheimdienstorganisationen, aber auch von der Polizei gnadenlos durch Amerika gejagt.

Er überlebt einige der aberwitzigsten Mordanschläge, die je in Hollywood ersonnen worden sind, Attacken, die seit ihrer Uraufführung zum kollektiven Angstpotenzial der Kinogänger gehören. Doch einzigartig sind nicht nur die plakatbeherrschenden Actionszenen dieses Films, nicht nur die erotisch-psychologischen Minidramen (im Speisewagen oder in der Agentenvilla) oder die meisterlich getimten Dialoggefechte (etwa bei einer Auktion), sondern auch all die umwerfend komischen Momentbeobachtungen, die als Übergänge fungieren.

Oder einfach nur Anfang und Ende des Films: Wenn dem herankeuchenden dicken Mann, den jeder kennt, die Bustür vor dem Bauch zugeschlagen wird, und wenn Roger O. im Schlafwagen seine Eve in das obere Bett hinaufzieht und die Lok aufheulend in den Tunnel hineinfährt, glaubt man Hitchcock zufrieden lächeln zu sehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.8.2005)