Wenn man in der Londoner U-Bahn sitzt oder - was wahrscheinlicher ist - steht, ist man immer wieder aufs Neue erstaunt, mit welcher Leichtigkeit jüdische Mütter und muslimische Männer, Jugendliche von den Westindischen Inseln, südasiatische Geschäftsleute und viele andere dieselben anstrengenden Bedingungen ertragen und versuchen, ihre Auswirkungen durch einen höflichen Umgang miteinander abzumildern. Die Terroranschläge haben nicht nur gezeigt, wie bestimmte Menschen einander geholfen haben, sondern auch, wie die gesamte Stadt mit allen Facetten ihrer menschlichen Mixtur einen gemeinsamen Geist der Unverwüstlichkeit an den Tag legte. Dies ist die positive Seite einer multikulturellen Gesellschaft.

Aufmerksame Beobachter haben stets bemerkt, dass sie ausschließlich auf den öffentlichen Raum beschränkt ist, auf das Leben in den Teilen der Stadt, die alle teilen. Sie dehnt sich nicht in gleicher Weise auf das Zuhause der Menschen aus, geschweige denn auf ihre Lebensweise im privaten Bereich. Dies ist ein Grund dafür, warum London auch die andere, die dunklere Seite der multikulturellen Gesellschaft erleben musste: Die Fassade des Multikulturalismus ist dünn. Es braucht nicht viel, um die Menschen aus einer Gruppe gegen die aus anderen aufzubringen, mit denen sie augenscheinlich in Frieden gelebt hatten.

Für die Terroristen selbst sind solche Konflikte eine Folge der beunruhigenden Effekte der Modernisierung: Hinter der Fassade der Integration in eine multikulturelle Umgebung sind viele Menschen - insbesondere junge Männer aus Einwandererfamilien - in der Welt der Widersprüche um sie herum verloren. Ihre allumfassende "heile" Welt der Tradition ist verschwunden, aber sie sind noch keine selbstbewussten Bürger der modernen, individualistischen Welt. Das ist primär keine Frage der Beschäftigung oder der Armut, sondern der Marginalisierung und Entfremdung, des fehlenden Gefühls, "dazuzugehören".

Genau unter solchen Umständen kommt das Schlüsselelement des Terrorismus ins Spiel: die Hasspredigten oftmals selbst ernannter Führer. Da muss es sich gar nicht um religiöse Führer handeln - man denke nur etwa an die Botschaften der nationalistischen Extremisten auf dem Balkan. Trotzdem trifft die Bezeichnung "Prediger" auch auf sie zu, da sie sich ausnahmslos auf höhere Werte berufen, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen, dabei aber nur ihre persönliche Macht auszubauen und Chaos verbreiten.

Um ihnen entgegenzutreten, ist allerdings kein Krieg - auch nicht die rhetorische "Krieg gegen den Terror"-Variante - nötig. Selbstverständlich lautet ein Teil der Antwort, die relativ wenigen Personen zu identifizieren, die bereit sind, ihr Leben dafür einzusetzen, das Leben anderer wahl- und sinnlos zu zerstören. Noch wichtiger aber ist es, die Hassprediger ausfindig zu machen und ihre mörderische Hetze zu beenden.

Neben dieser genau eingrenzbaren Aufgabe besteht natürlich weiterhin die Notwendigkeit, die gemeinsamen Werte und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften zu stärken, die letzten Endes doch multikulturell bleiben werden. Das wird schwierig und darf nicht naiv angegangen werden. Unterschiede werden sich nicht - und müssen sich nicht - auflösen; doch müssen wir einen Weg finden, um das Bürgervertrauen, das sich im öffentlichen Raum manifestiert, auszuweiten und derart zu stärken, dass sich alle Bürger auf einander verlassen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2005)