Politik ist weder ein Streit um ethische Werte, noch ein medienwirksamer Schönheitswettbewerb, sondern ein Kampf um Macht. Der legendäre britische Staatsmann Winston Churchill sagte einmal: "In der Politik, vor allem ganz oben, gibt es keine Freundschaft."

Die Aufregung um ein inzwischen, wenn auch nur halbherzig, widerrufenes Zitat vom ehemaligen ÖVP-Obmann Erhard Busek ("Schüssels Zeit ist vorbei") in einem Zeitungsinterview, in dem er seinem alten Freund und Nachfolger indirekt den Rückzug aus der Politik nahe gelegt haben soll, bestätigt wieder einmal die zeitlos gültige Diagnose Churchills. Ich erinnere mich an lange Gespräche mit Bruno Kreisky über die Schwächen und Stärken seiner möglichen Nachfolger - Hannes Androsch und Leopold Gratz -, in denen er fast genüsslich die Schlussfolgerung zog, dass die beiden "Kronprinzen" ihm nicht das Wasser reichen können.

Jahre später musste wiederum Hannes Androsch, nach seiner Entmachtung durch den eifersüchtigen und kranken Kreisky verbittert erleben, wie sein früherer Sekretär Franz Vranitzky als Regierungs- und Parteichef die österreichische Politik dominierte. Heute sorgt Androsch allerdings für eine neue verblüffende Wende: Durch seine unternehmerischen Erfolge und seine starke Medienpräsenz wird er von mächtigen Gruppen sogar als möglicher Kanzlerkandidat der SPÖ betrachtet.

Rivalitäten und Intrigen zwischen so genannten "Parteifreunden", prägen auch in Frankreich und Großbritannien, Deutschland und Italien, Polen und Tschechien die Missstimmung gegen die politische Klasse. Der offen und mit allen Mitteln ausgetragene Konflikt zwischen Jacques Chirac und Nicholas Sarkozy in Paris um die Zukunft der Präsidentschaft, die nur mühsam kaschierte Auseinandersetzung zwischen Angela Merkel und Edmund Stoiber im deutschen Wahlkampf, die jahrelangen Positionskämpfe zwischen Premier Tony Blair und Schatzkanzler Gordon Brown in der britischen Labour-Regierung um den Zeitpunkt der Wachablöse an der Spitze sind nur einige Beispiele für die Variationen der Intimfeindschaft in der Politik.

Einer der seltenen europäischen Politiker, der Politik der Moral unterordnet hat, war 1954 Pierre Mendes-France als französischer Ministerpräsident. Seine Devise war, die Wahrheit zu sagen, was immer sie bei den Wahlen koste: "Die erste Aufgabe ist Aufrichtigkeit: Das Land zu informieren, aufzuklären, nicht irrezuführen, die Wahrheit nicht zu verschweigen und die Probleme weder zu ignorieren noch zu verschieben, weil sie sich sonst nur noch verschärfen würden."

Dieser radikal-bürgerliche Politiker wurde freilich nach sieben Monaten und siebzehn Tagen durch die Abgeordneten gestürzt. Aber was für eine Leistungsbilanz in so kurzer Zeit: Friedensstiftung in Indochina, programmierte Unabhängigkeit für Tunesien, Absage an die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, eine straffe Wirtschaftspolitik . . .

Fünfzig Jahre später überwuchern billige Taktik und peinliche Intrigen das politische Geschehen in der Fünften Republik. Deshalb wohl auch kürzlich die Schlagzeile in Le Monde: "Man verlangt einen Mendes-France." Den Politikern mangelt es viel zu oft an moralischem Ernst und Entschlossenheit zur Erneuerung. Laut einer repräsentativen Umfrage rangieren die Politiker und die Gewerkschafter (samt den TV-Moderatoren) in der Berufsprestige-Skala 2005 auf den letzten Plätzen in Deutschland, und wahrscheinlich nicht nur dort. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2005)