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"Service am Patienten" soll zum Wettbewerbs- faktor zwischen Spitälern werden, meint die Gesundheitsministerin.

Foto: APA/dpa/Waltraud Grubitzsch
Alpbach - "Die Zweiklassenmedizin existiert - besonders in Österreich. Auch wenn man das erst nach einem Viertel Wein zugibt." Diesen ernüchternden Befund über das österreichische Gesundheitssystem lieferte der deutsche Gesundheitsökonom Franz Porzsolt in Alpbach ab. Seine Diagnose daraus: "Man muss das Klassensystem offen ansprechen. Nur dann kann man es sozial gerecht gestalten."

Dem konnte Bernhard Schwarz, Professor an der Medizin-Uni Wien und Gesundheitsökonom, nur zustimmen: "Natürlich besteht eine Zweiklassenmedizin. Das wurde über Jahre tabuisiert. Erst langsam kommt man drauf, dass Tabuisieren nichts bringt." Verschweigen will Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat auch gar nichts: "Seit es Zusatzversicherungen gibt, existiert die Zweiklassenmedizin." Ihr ist aber eine andere Botschaft wichtiger: Jeder Patient bekomme die bestmögliche Behandlung.

Das stimme etwa bei Hüftoperationen nicht, konterten Ärzte in Alpbach: Privatpatienten müssen darauf viel kürzer warten. Und das werde in Zukunft noch weniger stimmen, schlagen Spitzenmediziner Alarm: Bestehe doch durch den Kostendruck die Gefahr, dass nicht alle Patienten teure Krebsmedikamente bekommen. Genau das Schielen auf die Kosten sei ein Systemfehler, konstatierte Gesundheitsökonom Schwarz: "Es ist nicht richtig, dass in der Debatte heute die Kosten alles dominieren."

Im Gegenteil, das Kostenbewusstsein sei noch zu wenig verankert, konterte Rauch-Kallat mit einem Beispiel: Deutsche Krankenanstaltenverbände kauften ein Medikament gegen Brustkrebs 40 Prozent billiger ein als österreichische Spitäler.

Dieser Interessenkonflikt zwischen Sparen und Leistungen wurde besonders am Beispiel Medikamente deutlich. Erich Laminger, Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, freute sich: Jahrelang stiegen die Medikamentenkosten exorbitant - heuer werden sie maximal um 3,5 Prozent steigen. Laminger machte dafür den vermehrten Einsatz von Generika verantwortlich. Sind doch diese Nachahmerpräparate wesentlich billiger.

Sparen bei Arzneien

Was für Laminger Anlass zum Jubeln ist, lässt die Pharmaindustrie protestieren: Hanns Kratzer vom Verband der forschenden Pharmaindustrie warnte in Alpbach, dass kaum mehr neue innovative Medikamente in die "Grüne Box" kommen. Nur Arzneien aus dieser Box werden von den Kassen ohne Auflagen bezahlt. Laut Kratzer schaffen es vor allem Generika in diese Box. Diesen indirekten Vorwurf, dass Patienten innovative Medikamente vorenthalten werden, konterte Laminger so: "Bei innovativen Medikamenten muss man sich immer fragen - hilft's uns wirklich weiter?" Einig waren sich Laminger und Kratzer nur in einem: Die Naturalrabatte müssten aufhören.

Grünen-Gesundheitssprecher Kurt Grünewald hält etwas anderes für vorrangig: Die Verbreiterung der Beitragsebene für die Kassen, auf dass der Kostendruck schwinde. (DER STANDARD, Print, 25.8.2005)