Foto: KERSTIN JOENSSON
Bregenz/Innsbruck/Graz - Die Möbel des Tourismusbüros werden aus dem verschlammten Gebäude geräumt, die Mitarbeiterinnen sind übersiedelt - in die trockene Postgarage. In Lech wird nach der Flut improvisiert, im stark betroffenen Ortszentrum und auch draußen im Gelände. Die Speicherseen der Beschneiungsanlagen wurden mit Wasser aus den Hochbehältern gefüllt und dienen nun als Ersatz für die zerstörte Wasserleitung.

1500 Urlauber bleiben

Die Straße nach Zürs wurde so weit zusammengeflickt, dass am Donnerstag um 9.30 Uhr die ersten Touristen den vom Hochwasser arg ramponierten Urlaubsort verlassen konnten, freilich mit Polizeibegleitung. Im Halbstundenrhythmus führt die Polizei Urlauberkonvois aus dem Ort. 1000 Gäste, vor allem aus Italien und Deutschland, nutzten die Gelegenheit zur Abreise. 1500 Urlauber wollen bis zum Wochenende bleiben, das schöne Wetter nutzen, wie Silvia Ehgartner und ihr Mann in einem vom Hochwasser nicht betroffenen Hotel in Oberlech: "Es ist wunderschön hier, wir bleiben, früher abzureisen ist für uns kein Thema", sagt die Salzburgerin.

Andere Gäste wollen schneller weg. Alleine im Tiroler Paznauntal saßen Donnerstag 6000 Touristen fest, eine Luftbrücke mittels Hubschrauber stand nur für Versorgungsgüter und Helfer offen. Dennoch stellten Urlauber Ansuchen, mit gecharterten Maschinen ausfliegen zu dürfen. Der Luftraum über dem Katastrophengebiet bleibt vorerst für zivile Flüge gesperrt. Donnerstagabend war aber eine Abreise auf dem Straßenweg über Vorarlberg wieder möglich.

Gesperrte Bahn

Die Schäden an den Verkehrswegen in Westösterreich sind enorm und werden teils wochenlange Reparaturarbeiten notwendig machen. Alleine die ÖBB rechnen mit 14 bis 15 Millionen Euro Schaden, die Arlbergstrecke zwischen Tirol und Vorarlberg wird erst in einem Monat wieder durchgehend befahrbar sein. Die S16, die Arlbergschnellstraße, wurde dagegen Donnerstagnachmittag bis St. Anton wieder eröffnet.

Über den Gesamtschaden lässt sich in Tirol und Vorarlberg noch nichts sagen, in der Steiermark ist man in diesem Punkt schon weiter. Die Unwetter und dadurch ausgelösten Murenabgänge vom Wochenende haben rund 104 Millionen Euro Schaden angerichtet. Rund 70 Millionen wollen die Steirer vom Bund, wie am Donnerstag bei einer Sondersitzung der Landesregierung beschlossen wurde.

Ministerrat entscheidet

Forderungen nach mehr Geld kommen aber auch aus Oberösterreich. Die Bundesregierung müsse das Budget für einen umweltverträglichen Hochwasserschutz um 600 bis 750 Millionen Euro bis 2015 aufstocken, forderte der grüne Umweltlandesrat Rudi Anschober.

Wie viel Geld für die Akuthilfe vom Bund kommt, wird beim nächsten Ministerrat am Dienstag entschieden werden. Grundsätzlich sollen dieselben Prozentsätzen wie bei den Katastrophen 1999 und 2002 beigesteuert werden, erklärte Vizekanzler Hubert Gorbach (BZÖ), der sich am Montag in der Bundeshauptstadt mit den Landeshauptleuten der betroffenen Regionen treffen will. Allerdings: Für die seit damals teilweise in Länderkompetenz übertragenen Bundesstraßen werde es nichts geben, stellte der Infrastrukturminister klar. Bei der Verländerung seien nämlich auch Mittel aus dem Katastrophenfonds an die Länder übertragen worden.

Aus dem Katastrophenfonds bekommen übrigens nicht alle Bürger gleich viel Geld für denselben Schaden, stellte der Wirtschaftsforscher Franz Prettenthaler vom Joanneum Research im Ö1-Mittagsjournal fest. In einer Studie für das Landwirtschaftsministerium nach der "Jahrhundertflut" 2002 fand Prettenthaler heraus, das der Entschädigungssatz je nach Bundesland zwischen 25 und 50 Prozent schwankt. Der Grund: Bundesländer wie Kärnten und die Steiermark zahlen selbst besonders wenig Entschädigung, davon ist aber die Bundeshilfe abhängig. Am meisten Geld gibt es in Wien und Salzburg. (jub, moe, APA, DER STANDARD Printausgabe, 26.08.2005)