Den Haag/Belgrad/Wien - Ist der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic vor dem UNO-Kriegsverberchertribunal in Den Haag nun wegen dem "Projekt Großserbien" angeklagt oder nicht? Geoffrey Nice, Stellvertreter von Chefanklägerin Carla del Ponte, erklärte am Donnerstag während des Verfahrens gegen den Ex-Präsidenten, dass die grundlegende These der Anklage nicht auf den Versuch von Milosevic beruhe, ein "Großserbien" zu schaffen. Die Richter zeigten sich nach einem Bericht des Belgrader Senders "B-92" ob dieser Aussage ziemlich überrascht.

Während des Auftritts von Vojislav Seselj als Zeuge der Verteidigung, forderte Milosevic diesen auf, den Begriff "Großserbien" zu definieren. Nice legte aber postwendend Einspruch ein - mit der Begründung, dass dieser Begriff nicht etwas sei, für das Milosevic in der Anklage verantwortlich gemacht worden sei.

Verblüffte Richter

Die Richter reagierten verblüfft und erklärten, dass das mutmaßliche Vorhaben von Milosevic, ein "Großserbien" zu schaffen, die Basis sei, auf der die Staatsanwaltschaft die Anklage gründe. Zur Untermauerung ihrer These zitierten sie aus verschiedenen Dokumenten des Gerichts und der Anklage selbst, in denen angeführt wird, dass "Großserbien" das Kriegsziel von Milosevic gewesen sei. Sie seien ob des geänderten Standpunkts der Ankläger überrascht, erklärten die Richter ohne Umschweife.

Seine These über "Großserbien" erklärend, behauptete Nice, dass Milosevic mit den Kriegen in Ex-Jugoslawien beabsichtigt habe, die Idee "Alle Serben in einem Staat" zu realisieren. Dies, so Nice, sei mit der Idee "Großserbien" nahezu identisch. Zugleich negierte Nice, dass die Anklage ihren Standpunkt geändert hätte.

Diese Diskussion zwischen Richter und Ankläger verärgerte Milosevic offensichtlich. Nice wisse und verstehe selbst drei Jahre nach Beginn des Prozesses nicht, für was er ihn, Milosevic, verantwortlich mache, drückte der Angeklagte seinen Unmut aus.

Seselj, der ebenfalls im UNO-Gefängnis in Scheveningen einsitzt und sich vor Beginn des Prozess gegen ihn vor dem Haager Tribunal noch etwa gedulden muss, nahm sich erneut kein Blatt vor dem Mund. Ein "Großserbien", für das er sich einsetze, müsse Bosnien-Herzegowina und große Teile Kroatiens einschließen. Gleichzeitig dürfe dieses Ziel aber nicht mit gewalttätigen Mitteln und der Vertreibung der nicht-serbischen Bevölkerung erreicht werden, fügte der Chef der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) hinzu.

Seselj brüstete sich während seines Zeugenauftritts als "größter lebender serbischer Nationalist" und "größter Ideologe des serbischen Nationalismus". Ein "gemeinsames verbrecherisches Vorhaben", für das er und andere serbische Politiker von der Tribunalsanklage verantwortlich gemacht werden, wies er allerdings zurück. Mit den meisten "Mitgliedern" dieser "informellen Vereinigung" sei er im Konflikt gewesen oder habe sie gar nicht gekannt. (APA)