Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: APA/AFP
Können Glaube und Wissenschaft friedlich nebeneinander liegen, wie der Leopard und das Zicklein im Buche Isaias? Nach Kardinal Schönborns Artikel vom 7. Juli in der New York Times, in dem er den Darwinismus als "Ideologie" abtut und das Dogma der göttlichen Schöpfung als einzig rationale Denkweise darstellt, regt sich auch innerkirchlich Opposition. George Coyne SJ, der Direktor der vatikanischen Sternwarte, hat ihm nun in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. August (und davor im katholischen Tablet) widersprochen.

Vater Coyne übergeht mit nobler Geste die argumentativen Probleme des von ihm als "Rückzug" bezeichneten Aufsatzes des "Ratzinger-Schülers und einflussreichen Kirchenfürsten", dabei ist gerade diese besonders aussagekräftig. Schönborn attackiert die Evolutionslehre, indem er behauptet, die Evolution könne kein "ungelenkter ungeplanter Prozess aus zufälligen Variationen und natürlicher Auswahl" sein.

Jede Theorie, die "die überwältigenden Beweise" für eine (göttliche) Planung ignoriere, sei "Ideologie, nicht Wissenschaft" schreibt er und zitiert Johannes Paul II. mit den Worten, die Evolution zeige "eine Finalität, die Bewunderung erregt". Da es aber einen Plan gäbe, müsse es auch einen Planer geben, jede andere Schlussfolgerung sei eine "Abdankung der Vernunft".

Dabei kann oder will Schönborn die Evolution nicht verstehen. Das bloße Konzept eines Ziels, eines perfekten Zustandes der Welt ist theologisch, nicht wissenschaftlich. Das einzige Ziel, das Organismen haben, ist das eigene Überleben in die nächste Generation, nicht die Vollkommenheit in der fernen Zukunft. Kein Lebewesen ist eine "perfekte Maschine": Steißbein und Blinddarm sind die bekanntesten Beispiele bei uns selbst und sogar unser Genom enthält wahrscheinlich mehrheitlich redundante Information, nur sind Redundanzen bei überlebenden Organismen zu gering, um die Weitergabe des genetischen Materials zu verhindern.

Wie der Evolutionsbiologe Steve Jones kürzlich am Beispiel des menschlichen Auges gezeigt hat, sucht die natürliche Selektion keine Vollkommenheit: Unsere Augen (wie übrigens auch die von Tintenfischen, Schnecken und Spinnen) sehen weniger schnell als die eines Insekts, weniger scharf als die eines Vogels und sind auch im Gegensatz zu Vogelaugen nicht fähig, im Infrarotspektrum zu sehen. Auch die neurologische Verbindung zum Hirn ist nach unendlich vielen Veränderungen (aber eben ohne einen intelligenten Planer) ausgelegt wie eine Kamera, "bei der die lichtempfindliche Seite des Films auf der falschen Seite liegt".

Auch wenn man vom Dickicht der ethischen Fragen absieht, zeigt die Naturgeschichte keinerlei Anzeichen, zielgerichtet zu sein. Ein Mammut war nicht weniger perfekt als ein moderner Elefant, aber seine Lebensumstände waren radikal anders. Was in der Eiszeit lebensrettend war, ist in der afrikanischen Savanne kein Vorteil, und in fünfzigtausend Jahren wird es wieder anders aussehen. Es geht nicht aufwärts, sondern einfach weiter.

Ein ganz anderes Problem ist die Tatsache, dass Schönborn mit seinem Konzept eines planenden Gottes auf eine theologische Debatte zurückgreift, die schon vor Jahrhunderten beendet wurde. Der so genannte kausale Gottesbeweis ("Alles hat seinen Grund, und der Grund der Weltentwicklung muss daher außerhalb der Welt liegen, also gibt es Gott") kann schon von daher keine Beweiskraft haben, als er die Frage aufwirft, wer denn Gott erschaffen habe.

Wenn man Gott aber zur Ersten Ursache erklärt, trifft man auf Anselm von Canterbury (1033-1109), der behauptete, es müsse Gott geben, da die Idee eines vollkommenen Wesens in unserem Geist sonst nicht erklärbar sei. Dieses schöne Konzept wurde bald darauf von einem italienischen Mönch ad absurdum geführt, der darauf hinwies, dass es dieser Argumentation zufolge auch eine "größte Insel" im Meer geben müsse, nur weil auch sie gedacht werden kann. Wer sich heute noch auf diesen ontologischen Gottesbeweis stützt, ist entweder der Debatte im eigenen Lager um 900 Jahre hinterher, oder er versucht, die eigenen Gläubigen zu manipulieren.

Der Jesuitenpater Coyne verwickelt sich nicht in derart elementare Probleme. "Die Naturwissenschaften verhalten sich vollkommen neutral gegenüber den philosophischen oder theologischen Folgerungen, die man aus ihren Erkenntnissen ziehen mag", schreibt er und bedauert Schönborns augenscheinliche Furcht, dass das Universum der Naturwissenschaft "sich Gottes Herrschaft entziehen müsse". Auch die Mechanismen eines Universums, das aus dem Urknall entstand, können laut Gottes Willen nach immanenten Gesetzmäßigkeiten funktionieren, wie ein Kind, das einen eigenen Charakter zeigt: "Man erzieht ein Kind, aber man versucht auch, den individuellen Charakter des Kindes zu bewahren . . . Wir können uns vorstellen, dass Gott in ähnlich weiser Art mit dem Universum umgeht." Gott als Vater, der das Universum seinen kindlichen Gang gehen lässt? Wer dem Regen einer teleologischen Evolution entkommen ist, fällt gleich in die Traufe der Theodizee: Kein Gott, der so viel Leiden zulässt, kann zugleich gut, allmächtig und allwissend sein und obwohl es, wie der Pater schreibt, möglich ist, sich einen nicht intervenierenden Schöpfer zu denken, wird er in diesem Modell zur redundanten Idee. Coyne setzt sich für einen "fortlaufenden Dialog" zwischen Wissenschaft und Glauben ein, aber wem außer der Kirche soll so ein Dialog nützen? Die Wissenschaft braucht keinen Austausch mit unwissenschaftlicher Spekulation.

Beide Theologen schlagen Schlachten der Vergangenheit. Coyne versucht die Wissenschaft wieder zu dem zu machen, was die Philosophie im Mittelalter war: zur Handmagd der Theologie. Ideengeschichtlich situiert das seine Argumentation im neunzehnten Jahrhundert, zur Zeit der ersten Debatten um Darwin. Schönborns wissenschaftsfeindliches Rückzugsgefecht dagegen gehört ins Ancien Régime, die Epoche von Voltaire und Diderot.

Bemerkenswert an seinem Artikel ist nur, dass eine so ärmliche Argumentation in einer renommierten Zeitung publiziert und dann ernsthaft diskutiert wurde. Nach Thomas von Aquin und René Descartes ist auch Schönborn daran gescheitert, die Existenz Gottes zu beweisen. Wir können also zu Fragen zurückkehren, die zu diskutieren es sich lohnt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 8. 2005)