Rolf Järmann speaks out.

Paris/Frankfurt - Die Doping-Vorwürfe gegen Lance Armstrong durch die französische Sportzeitung "L'Equipe" waren offenbar nur der Anfang - nun könnten weitere Namensnennungen den Radsport diskreditieren. Chefredakteur Claude Droussent kündigte am Samstagabend im ZDF-Sportstudio eben dies an - positive Doping-Proben von Fahrern aus den Jahren 1998 und 1999 lägen dem Blatt vor. "Wir arbeiten daran", sagte Droussent.

Der Namensabgleich mit den Codenummern der im Doping-Kontrolllabor von Chatenay-Malabry bei Paris nachträglich analysierten Proben sei noch nicht "hundert Prozent sicher". 52 positive Proben ohne Zuordnung sollen der Zeitung und auch der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) noch vorliegen.

Zumindest bis zur Skandal-Tour 1998 war der Konsum des Blutdopingmittels EPO, das auch bei Armstrong in sechs B-Proben von seinem ersten Tour-Sieg 1999 aufgefunden worden war, im Fahrerfeld weit verbreitet gewesen. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" präsentierte den Ex-Profi Rolf Järmann als Kronzeugen. In einem Interview erklärte der 39-jährige Schweizer, dass Manipulationen mit EPO "Teil des Wettbewerbes" waren.

"In der Zeit, in der ich gefahren bin, war EPO weit verbreitet. Deshalb hatten alle die gleichen Chancen. Ich hatte das Gefühl, meine Konkurrenten nehmen das Gleiche", sagte Järmann, der 13 Jahre Profi war, 1999 zurücktrat und EPO bis 1998 nahm: "Danach habe ich es nicht mehr angerührt."

Lebensrettende Bluttests

1993 und 1998 Sieger des damaligen Weltcup-Rennens Amstel Gold Race, fuhr Järmann auch in einer Mannschaft mit dem jetzigen CSC-Teamchef Bjarne Riis, der 1996 mit Telekom die Tour de France gewann. "Es wurde nicht kontrolliert, und man hatte das Gefühl, es nimmt jeder. Das Schuldgefühl wurde erst wieder bei der Tour 1998 geweckt, als die Polizei eingegriffen hat", erklärte der jetzige Werbefachmann weiter. Järmann sieht die Einführung der Bluttests als lebensrettende Maßnahme an.

Ohne Doping-Kontrollen hätte es nach seiner Überzeugung Todesfälle gegeben. "Es wäre eine Bedrohung geworden, wenn wir Radsportler nicht freiwillig Bluttests zugelassen hätten. Dank der Tests konnte man das eindämmen. Wir haben gemerkt, dass es ohne Tests nicht weitergehen kann. Deshalb bin ich froh, dass ich Radsportler war und nicht in eine andere Sportart involviert. Wir waren durch die Blutkontrollen am besten geschützt. Wahrscheinlich hatten wir dadurch auch die meisten Skandale", sagt Järmann.

Ausnahmentalent Armstrong

Zum Fall Armstrong meint der Schweizer: "1999 war eine andere Zeit. EPO konnte nicht nachgewiesen werden. Ich bin überzeugt, er ist nicht besser oder nicht schlimmer als alle anderen auch. Am Schluss hat der gewonnen, der am meisten trainiert hat und der das Rennen cleverer gefahren ist als die anderen." Er glaube, "dass Armstrong ein absolutes Ausnahmetalent ist, dass er einen extremen Siegeswillen hat und viel mehr Professionalität als die meisten anderen".

Den heutigen Fahrern stellt Järmann ("EPO steigert die Leistung enorm") kein besonders gutes Zeugnis aus. Von Läuterung sei kaum eine Spur: "Ich denke nicht, dass ein paar Rennfahrer sauber sind und ein paar nicht sauber sind, sondern es sind meistens alle ein bisschen unsauber und ein bisschen sauber." Järmann: "Ich hätte viel mehr dopen können und wäre dann auch viel besser gewesen. Aber ich bin froh, dass ich es nicht gemacht habe."

Armstrong, der nach Meinung vieler Experten kaum sportrechtliche Konsequenzen zu fürchten hat, erhielt inzwischen von Steve Johnson, dem Geschäftsführer des amerikanischen Verbandes USA Cycling, Rückendeckung. Der deutsche Sportrechtler Michael Lehner sieht nur eine Möglichkeit, Armstrong zur Rechenschaft zu ziehen, wenn ein Fahrer "mit reinem Gewissen den Mut hätte, ihn auf Schadensersatz zu verklagen". (APA/dpa/red)