Bühnendichter sind oft im eigenen Leben die größten Dramatiker. Die meiste Zeit machte Wolfgang Bauer auch aus seinem Leben ein Theater. Und beschäftigte damit die Politik, obwohl er kein Ideologe war. Aber ein Oppositioneller.

Mehr als Alfred Kolleritsch, der sich oft und sehr kritisch zu Kulturfragen geäußert hat, mehr als Peter Handke, der in Graz eher ein Gast blieb, mischte sich Wolfgang Bauer durch seine Kunst in die Kulturpolitik ein. Er war unartig, er war unberechenbar. Und, wie man es bei seinen Lesungen erleben konnte, auch eine Art Pop-Star. Eine literarische "erste allgemeine Verunsicherung".

1964 hatten Bauer und sein Dichterfreund, der Soziologe Gunter Falk, die von Herwig von Kreutzbruck erfundene "Happy Art" im Forum Stadtpark präsentiert. Wir fanden, dass dieser Mix auch auf die Uni gehörte und öffneten die Mensa für ein Happening-artiges Fest. Bauer las aus seinen Mikrodramen, Falk theoretisierte über die Rolle der Burschenschaften. Viel Bier floss, nicht nur in die Kehlen. Zur Illustration wurde ein Mikrodrama aufgeführt.

Lukrezia

Die Bühne ist ein Tollkirschenhang. Viele Tollkirchen. Mitten drin Lukrezia, blau gekleidet, ganz durchsichtig. Düstere Miene.

Sie nimmt ein Einsiedeglas, hebt es zum Mund und flüstert sehr erotisch "Kompott".

Die politische Folge dieses Kunstevents war ein Misstrauensantrag der "Freiheitlichen Studenten" gegen die damalige ÖH-Führung. Nach zehn(!)-stündiger Sitzung wurde der Antrag mit Hilfe der Stimmen des Theologen abgelehnt.

Fünf Jahre später. Eröffnung des "steirischen herbstes" mit dem Bauer-Stück Change. Beim anschließenden Empfang wurde Landeshauptmann Josef Krainer, der das Stück nicht gesehen hatte, von der Gräfin Goess, der Chefin einer Bürgerinitiative gegen den "herbst", sehr laut angesprochen: "Herr Landeshauptmann, verbieten Sie dieses Stück. Es ist eine Beleidigung des Abendlandes." Krainer: "Bei uns wird nix verboten. Die Zeit is vorbei." Goess: "Kennen Sie dieses Machwerk?" Krainer: "Der Koren (der legendäre Landes-Kulturreferent) hat's für mich gelesen." Goess: "Und was hat er gesagt?" Krainer: "I glaub, dass er glaubt, das is a guates Stück." Goess: "Also Sie verbieten es nicht?" Krainer: "Gnädigste Gräfin, wo kumma do hin?"

1970 wurde das zehnjährige Bestehen der Literaturzeitschrift "manuskripte" in der Kapfenberger Walfersam-Schule für eine ORF-Sendung inszeniert. Bauer gründete dafür eigens ein Ballett, das unter dem Titel "Die Toten des Sommers" mit einem Text Herwig von Kreutzbrucks startete: Graf Spreti, reich mir das Glas. Abdel Nasser, halte den Mund dort. Jochen Rindt fährt dir sonst mit einem Spezialgummi über die Lippen. Jimi Hendrix, lass die Kugel rollen. Tanze oh Sharon Tate. Und so weiter.

Im Hintergrund des Balletts sollte gezeigt werden, wie Gunter Falk und andere Darsteller im roten Alfa Romeo Bauers "nachts durch das Häusermeer dieser hässlichen Stadt fahren". Es kam nicht dazu, weil die Filmkamera streikte. Der ORF übertrug das Spektakel jedoch im November 1970. Ob so etwas heute noch ginge? Wohl nicht.

1972 in London. Film & Frau wird im West End-Theater Almost Free unter dem Titel Shakespeare the Sadist aufgeführt. Volles Haus. Viel Beifall. Nur einer fehlt: Der Autor. Er hat das Flugzeug versäumt. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 8. 2005)