Von Napoleon bis Viagra, von Sophia Loren bis Gentechnik: Fidel Castro antwortet in "Comandante" auf alles, was Regisseur Oliver Stone so in den Sinn kommt

Foto: Cinestar
Wien - 30 Stunden hat Fidel Castro mit Oliver Stone gesprochen, und kein einziges Mal musste die Zensur einschreiten. Sowohl der Comandante der kubanischen Revolution als auch der Revolutionär unter den amerikanischen Filmemachern waren mit ihrer Plauderei sehr zufrieden. Stone ließ sich für den Besuch einen schönen Schnurrbart stehen und kramte alle bunten Polo-Hemden aus seinem Schrank.

Fidel Castro rasiert sich ungern, weil er das für Zeitverschwendung hält, und er trägt zum grauen Vollbart mit Vorliebe olivgrüne Uniformen. In seinem Büro, das er so selten verlassen kann, weil ihn der Dienst am kubanischen Volk bis weit in den Abend beansprucht, spaziert er zur körperlichen Ertüchtigung regelmäßig auf und ab - wie ein Gefangener hinter Gittern.

Als der legendäre Journalist Edward R. Murrow 1959 nach Kuba kam, um sich diesen Fidel Castro einmal anzusehen, war die Revolution noch jung, und die USA waren unschlüssig, wie dem Kommunismus vor der Haustür zu begegnen wäre. Viele Jahre später sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern festgefahren, die Revolution ist alt, und es bedurfte eines Mannes wie Oliver Stone, um den Status quo zu hinterfragen. Der Film Comandante, entstanden 2003 für das amerikanische Bezahlfernsehen HBO, ist natürlich nicht ungeschnitten. Er ist im Gegenteil eines der Montagekunstwerke, für die Stone bekannt (und berüchtigt) ist.

Castro wandert, begleitet von seinem Gesprächspartner, der Dolmetscherin und mehreren Kameras, durch seinen Palast, später durch sein Land, und antwortet auf alles, was Stone so in den Sinn kommt. Das ist eine ganze Menge: von Napoleon bis Viagra, von Sophia Loren bis Gentechnik. Castro gibt den unerschrockenen, ganz in der Gegenwart lebenden Wohlfahrtspolitiker. Stone ergänzt die Perspektive der Historiker und lässt es auf die alte Frage hinauslaufen: "Was bleibt? Ein einziges Leben, das ist alles?"

Es geht in diesem lose mäandernden Zwiegespräch mehr um die Psychologie großer Männer als um die Politik des 20. Jahrhunderts. Die Kubakrise stellt sich für den kubanischen Staatschef natürlich anders dar als für John F. Kennedy. Richtig überraschend ist sein Standpunkt aber auch nicht. Nur beim Thema Vietnam gibt es eine kleine Reiberei, weil Oliver Stone ja selbst auf amerikanischer Seite gekämpft hat, während kubanische Berater im Verdacht stehen, Gefangene gefoltert zu haben. "Niemals!", beteuert der "maximo líder".

Das Gentlemen's Agreement ist die regulative Idee dieses Gesprächs. Comandante bekommt dadurch einen morbiden Reiz, zumal Oliver Stone jede Aussage von Castro mit Bildmaterial aus den letzten fünfzig Jahren unterlegt und dazu noch einen eigenwillig elegischen Soundtrack verwendet.

Die Meinungen und Tatsachen, die historischen Ereignisse und die aktuelle Situation gehen in diesem Bilderfluss ununterscheidbar ineinander über. Die beiden Männer kommen in einem Gemurmel überein, das keine Außenwelt mehr braucht.

Von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, kennen sie nur noch das Flackern der Archivbilder. Vielleicht ist das ja die Form des Ewigkeitssinns, den Oliver Stone so hartnäckig beschwört, während Fidel Castro ihn ebenso stur ableugnet. Als politischer Dokumentarfilm ist Comandante nahezu wertlos, als Dokument des Machismo ist er auf kontroverse Weise interessant. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 8. 2005)