Salzburg - Erfahrungsgemäß besteht die Musikmunition der Salzburger Festspiele gegen deren Ende hin in der Hauptsache aus Konzerten. Dass man davon nicht mit einem jeden einen Volltreffer landet, muss nicht immer an den Programmen und deren Orchestern liegen. Mitunter kommt es schon auch darauf an, wo man seine symphonischen Haubitzen platziert.

Dass die Felsenreitschule dazu ein denkbar ungünstiger Ort ist, hat sich anlässlich des Auftrittes der Dresdner Staatskapelle unter Jukka-Pekka Saraste wieder einmal gezeigt. Das vor Konzertbeginn eingespielte, zum Ausschalten der Handys mahnende Klangsignal wirkt jedenfalls wie ein Hohn, wenn der Dirigent seinen Einsatz zum einleitenden Vorspiel zu Carl Nielsens Oper Maskerade mitten in das synchron einsetzende Gedröhn der Glocken von Dom und St. Peter geben muss, und Béla Bartóks Wunderbarer Mandarin ebenso wie die 2. Symphonie von Jean Sibelius akustisch gegen Flugzeugdonner und den Lärm des auf das Dach niederprasselnden Regens ankämpfen müssen.

Dass die Gäste angesichts solcher liturgisch, aeronautisch und meteorlogisch bedingter Störaktionen nicht die Nerven verloren haben und mit einer stilistisch anregend facettenreichen Sibelius-Interpretation bejubelte Sieger blieben, verdient Respekt.

Ins Jenseitige

Da befanden sich die Wiener Philharmoniker, als sie sich am Samstag, angeführt von Nikolaus Harnoncourt, auf dem sicheren Territorium des Großen Festspielhauses über Anton Bruckners Fünfte hermachten, augen- und ohrenfällig im Vorteil. Augenfällig schon deshalb, weil die Aufführung dem ins Jenseitige und Sakrale weisenden Inhalt des Werkes auch optischen Ausdruck verlieh.

Nicht nur, dass Harnoncourt mit ernster Miene und - als lasteten alle Choralnoten in Blei gegossen auf seinen Schultern - mit gesenktem Haupt in angemessener Feierlichkeit ans Dirigentenpult schritt, reichten die Philharmoniker nach vollbrachter Bruckner-Arbeit, wie es nun auch am Ende der katholischen Gottesdienste Brauch ist, einander die Hand. Angesichts von so viel ritualisierter Gutmenschlichkeit steht am Ende gar zu erwarten, dass die demokratischen Könige demnächst ihren Stresemann gegen Mönchskutten tauschen. Fragt sich nur welchen Ordens. Denn der Festspielintendant weiß ein Lied davon zu singen, dass sie das Gelübde der Armut ganz gewiss nicht abgelegt haben.

Und auch der Zölibat scheint in ihren Reihen in letzter Zeit gehörig ins Wanken gekommen. Nahm man bei diesem Konzert, wenn auch diskret an den hinteren Pulten versteckt, gleich fünf Damen aus. Bleibt als letzte Tugend nur noch der Gehorsam. Den haben sie zumindest in der Zusammenarbeit mit Harnoncourt bereitwillig an den Tag gelegt.

Expressives Universum

Und dies zum Wohl dieser, wenn auch der Solohornist nicht unbedingt seinen besten Vormittag hatte, in mancher Hinsicht bedeutsamen Wiedergabe. Harnoncourts Intentionen gehen weniger in Richtung einer kohärent narrativen Lektüre des ebenso anstrengenden wie anregenden symphonischen Bruckner-Wälzers. Er präsentiert das Werk vielmehr als flirrendes, explosives Universum zum Klingen gebrachter Notenformationen. Darunter befinden sich thematische Fixsterne, Seitenthemen-Planeten und nur kurz auffahrende, wenige Noten lange Planeten.

Dadurch werden diese Einzelelemente aus der traditionellen, sich nach den Gesetzen der Diatonik richtenden Lesart herausgelöst und vor allem im ersten Satz als zum Großteil immens modern wirkende autonome Klangzellen interpretiert. Diese Sicht- und Hörweise kommt auch Harnoncourts expressivem Interpretationsstil entgegen, der hier immer wieder zu blitzartig sich ergebenden frappierenden Massierungen führt.

Bei Nikolaus Harnoncourts stürmischer Gestik konnte der vor ihm sitzende Musiker von Glück reden, dass er, während er brav die Sechzehntelnoten aus seinem Instrument raspelte, keinen unfreiwilligen Kinnhaken abfing.

Von Glück reden könnte freilich auch das Publikum, würde sich Harnoncourt, bei dem hohen Grad an Wissen über die Moderne, das er bei Anton Bruckner verriet, künftig vielleicht auch einmal die Werke der Zweiten Wiener Schule vornehmen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 8. 2005)