Ein kurzes Gespräch mit Vertretern der griechisch-orthodoxen Kirche in Österreich. Sie beklagen, dass die türkischen Behörden die freie Religionsausübung des christlichen Glaubens in der Türkei massiv behindern. Soll also die Türkei deswegen nicht der EU beitreten dürfen? "Nein, um Himmels willen, der EU- Beitritt ist die einzige Chance, dass sich da etwas zum Positiven ändert. Nur durch den Druck des EU-Beitritts werden sich die Türken zu Veränderungen bequemen."

So sprechen nicht nur konservative Geistliche, sondern auch die Vertreter der türkischen liberalen Zivilgesellschaft: Nur durch den Beitritt haben wir eine Chance gegen Islamismus und (in der Realität fast noch gefährlicher) türkischen Nationalismus, gegen reaktionäre "Volksbräuche" wie Zwangsehen und Ehrenmorde, gegen ein erstickendes Patriarchentum.

Das ist das Dilemma, in das man gerät, wenn man eine intellektuell ehrliche Debatte über den Türkei- Beitritt versucht. Dass die Türkei weit entfernt von jeder Beitrittsreife ist, liegt auf der Hand. Man muss sich nur die aktuellen Bilder von Polizeieinsätzen gegen Kurden in anatolischen Städten ansehen bzw. die Berichte über Kämpfe zwischen türkischem Militär und kurdischen Kämpfern lesen.

Das geht nie ohne Opfer in der Zivilbevölkerung ab. Ein absolutes Beitrittshindernis. Umso grotesker wirkt es, wenn praktisch gleichzeitig der EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn erklärt, die Türkei hätte alle Voraussetzungen für einen Beginn der Beitrittsverhandlungen erfüllt, nun müsse auch die EU Wort halten.

Die Verhandlungen sollten am 3. Oktober durchaus beginnen, aber mit einer klaren Feststellung, dass die Beitrittsfähigkeit derzeit und auf lange Sicht keinesfalls gegeben ist.

Das ändert jedoch nichts daran, dass man das Argument der türkischen Progressiven, nur die Aussicht auf den EU-Beitritt gebe ihnen die notwendige Unterstützung, um die Türkei wirklich zu modernisieren, sehr ernst nehmen muss.

Wobei die Dinge in Wahrheit noch komplizierter sind. Die christliche(n) Kirche(n) in der Türkei wurden in den vergangenen Jahrzehnten stark eingeengt und ihr nicht unbeträchtlicher Besitz verstaatlicht. Daran ist nicht so sehr der Islamismus schuld, sondern der Säkularismus der türkischen Militärs, die sich als Hüter der antireligiösen Reformen Atatürks betrachten. Tatsächlich wäre – schon wegen des EU-Beitritts – eine Änderung der türkischen Politik gegenüber den christlichen Kirchen, Restitution inklusive, nicht nur angebracht, sondern sogar auch nicht ganz undenkbar.

Aber dann müssten die im Hintergrund wirkenden kemalistischen Militärs und Staatsbeamten auch den Griff auf die islamische Geistlichkeit lockern, der noch sehr streng ist.

Das sind Probleme, die in der Diskussion um den Beitritt der Türkei noch nicht einmal aufgetaucht sind. Auch deshalb möchte man der Meinung von Österreichs erfolgreichem ehemaligem EU-Kommissar Franz Fischler beipflichten, der sagt, die Türkei werde nie Vollmitglied werden.

Das heißt aber andererseits, sich intensiv den Kopf zu zerbrechen, wie man trotzdem verhindern kann, dass die Türkei abrutscht. Der benachbarte Irak, von den großen Strategen der Administration Bush als "Leuchtturm der Demokratie" im Mittleren Osten geplant, verwandelt sich soeben in ein Terroristenparadies mit einer Verfassung, die den Islam als wesentliche Grundlage der Gesetzgebung und Rechtsprechung postuliert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.8.2005)