Am 31. August 1980 wurde in Polen das Ende des Ostblocks eingeläutet. Nach dem 18-tägigen Streik zehntausender Industriearbeiter gestanden ihnen in der Danziger Leninwerft die kommunistischen Machthaber erstmals im Osten die Zulassung freier Gewerkschaften zu. Was als Protestwelle gegen Versorgungsmängel und Preiserhöhungen begonnen hatte, schwoll zur Demokratiebewegung mit zehn Millionen Mitgliedern, die, weit über das Streikrecht hinaus, auch die Abschaffung der Zensur erkämpfte. Die Erlangung der Meinungsfreiheit betrachten die Polen nun, 25 Jahre und viele politische Krisen später, als größten Erfolg der Solidarno´s´c. Doch sonst regiert die Enttäuschung: Drei Viertel der Polen glauben, dass sich ihr Leben durch die Demokratiebewegung nicht oder gar zum Schlechteren verändert habe. Obwohl sie die erfolgreichste Revolution des späten 20. Jahrhunderts friedlich zustande brachte, kämpfte Solidarno´s´c von Anfang an gegen Misstrauen. Im Westen hielten es ansonsten weitsichtige Politiker wie Bruno Kreisky für unmöglich, ein Land aus dem kommunistischen Block herauszubrechen. Würde der Westen für Polen intervenieren, so sagten sie, hätte dies den Atomkrieg bedeutet. Dass der Ostblock 1989 dann doch ohne Krieg zerfiel, hat viele Gründe, symbolisiert durch eine Reihe von Namen: Johannes Paul II., der polnische Papst, der seinen Landsleuten Selbstbewusstsein gab; US-Präsident Ronald Reagan, der mit dem Wettrüsten den Ostblock wirtschaftlich ruinierte; Michail Gorbatschow, der den Kommunismus durch Reformen, nicht mit Panzern, retten wollte. Der Druck zur demokratischen Veränderung der KP- Diktaturen kam aber von Millionen einfacher Menschen, allen voran Polen, die sich das bürokratisch-engstirnige, wirtschaftlich hoffnungslos ineffiziente System nicht länger bieten lassen wollten. In der KSZE-Schlussakte von Helsinki hatten die KP-Regime 1975, im Gegenzug für die Respektierung ihrer Staaten durch den Westen, den eigenen Bürgern auf dem Papier die Meinungsfreiheit gewährt. Mutige Regimekritiker wie die Polen Jacek Kuro´n und Adam Michnik forderten sie offen ein. Sie riefen dazu auf, parallel zum Machtmonopol des Staates freie Gewerkschaften zu gründen. Es ging nicht um den Sturz der Staatsmacht, vielmehr sollten immer größere gesellschaftliche Freiräume gewaltfrei erkämpft werden. In Polen, wo es zuvor immer wieder zu blutig niedergeschlagenen Aufständen gegen das als Fremdherrschaft empfundene Regime gekommen war, wurde diese "sich selbst beschränkende Revolution" im Sommer 1980 Realität. 16 Monate lang rang Solidarnosc dann um die Verwirklichung der Zugeständnisse. Als sie radikaler wurde und im September 1981 freie Wahlen in Polen und freie Gewerkschaften in den "Bruderländern" forderte, schlug das Regime zurück. Doch auch das drei Monate später ausgerufene Kriegsrecht änderte nichts am gesellschaftlichen Patt. Die passive Resistenz der Bürger machte den Staat dermaßen unregierbar, dass es 1989 - in einem schon ganz anderen weltpolitischen Umfeld - zum Dialog und zur Demokratisierung Polens und gleichzeitig der anderen Ostblockstaaten kam. Solidarnosc war damit aber am Ende. Die Nationalisten, Liberalen und Sozialrevolutionäre, die zuvor gemeinsam gekämpft hatten, standen nun gegeneinander - und gegen die bald wieder erstarkten, weil in Machtpolitik erprobten Post-Kommunisten - im aufreibenden Wettbewerb. Währenddessen hielt ein wilder Kapitalismus im Lande Einzug. Nun beklagen die Polen, dass die Demokratie die Arbeitslosigkeit von 18 Prozent und soziale Ungleichheit nicht verhindern, die Korruption nicht besiegen konnte. Adam Michnik, inzwischen ein hochangesehener Publizist, hebt aber hervor, dass man Skandale heute öffentlich anprangern könne. Und der Alt-68er erinnert die Jungen an die Überzeugung seiner Generation: dass es besser sei, gegen das Schlechte in der Welt zu kämpfen als bloß friedlich im Bett zu sterben. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2005)