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Foto: AP/Richard Drew
Gerade feiert der immer noch aktive Musiker mit großer Freundesrunde und neuer CD seinen 90. Geburtstag.


Wien/New York – Wer als Synonym für ein Ding weiterlebt, hat es geschafft. Gitarrist Les Paul hat gar die schönste aller Elektrogitarren geschaffen: "Jedes Kind kennt die Les Paul, aber vermutlich kennt mich kaum einer."

Der alte Herr lacht leise. Laute Töne waren nie sein Ding. Er hat es mit der Nachhaltigkeit, am 9. Juni wurde er 90 Jahre alt: "Die Gitarre hält mich gesund und neugierig. Sie ist Hausfrau, Geliebte, Psychiater, Koch, Freund und Kraftkammer." Pension? "Nie, da würde ich austrocknen!" Seiner Arthritis spottend spielt er jeden Montag im Iridium Jazzclub in New York: "Ich kann es kaum erwarten, zur Arbeit zu gehen!"

"Das Wichtigste an einer Gitarre ist der Ton." Der kommt aus dem Spieler. Sagt ausgerechnet er, der den Gitarrenverstärker aus einem Radio und den Trümmern von Mutters Telefon miterfunden und die dazu passende Gitarre aus einem Holzpfosten gebastelt hat. Zwecks besserer Erreichbarkeit der oberen Bünde sägte er an der unteren Halsseite den Korpus aus. Eine der zwei klassischen E-Klampfen war entworfen, die Les Paul mit ihrem unvergleichlich lang schwingenden Ton.

Les Paul: "Ich wollte, dass Gibson eine gute, billige Gitarre baut, damit die Jungen sich nicht mit Rückkopplungen herumplagen müssen." Die andere Klassische ist die Stratocaster von Fender, Jimi Hendrix' Hauptfrau, konstruktionstechnisch der Les Paul unterlegen wie die Bummelbahn einem Schnellzug.

Lester William Polfus wird 1915 in den ersten Weltkrieg, die Countrymusik und den Jazz hineingeboren. Er nimmt Hillbilly- und Blues-Platten auf und ärgert sich über die "anämischen Gitarren, die rückkoppelten, wenn man lauter spielte. Ich habe aus einer Zicke einen Stier gemacht." Mehr noch, die E-Gitarre wurde zum Fetisch, zum Sexsymbol der Sexsymbole.

Vaya Con Dios

Lester flüchtet aus der Ödnis der Provinz (wer will schon der "Wizard Of Wau^kesha" bleiben?), "wo du 500 Meilen hattest zur nächsten Countryband", nach New York (1938), schließlich nach Hollywood (1941). Er begleitet alle Großen, von Nat King Cole bis Bing Crosby, spielt beim ersten "Jazz At The Pilharmonic"-Konzert mit. Da hat er zur Les Paul aus einem konfiszierten deutschen Tonband ein erstes Mehrspuraufnahmegerät gebastelt.

Er heiratet die Sängerin Mary Ford, mit der er eine Reihe von Hits herstellt: Brazil (sechs Gitarrenspuren!), Vaya Con Dios oder How High The Moon. Aus der Pension kehrt er 1977 triumphal mit dem Album Lester und Chester (mit Chet Atkins, Grammy Award!) zurück. Inzwischen sind seine Erfindungen – Multi-Tra^cking, Tonbearbeitung des bespielten Bandes, Hall und andere Effekte – längst Industriestandard und jedem flaumfreien Garagenrockerbengel geläufig. Les Paul: "Heute kann jeder 500 Gitarristen hören, es gibt Bücher, alle Fingersätze und Läufe sind ausgearbeitet." Er hörte sich "viel von Andrés Segovia ab". Noch heute nimmt er "alles auf, Klassik, Country, Blues, Jazz."

Von jedem Dorf ist jetzt der Chefjugendliche auf seiner Geburtstags-CD Les Paul & Friends (EMI) zu hören: Jeff Beck, Eric Clapton, Buddy Guy, Keith Richards oder Steve Miller: "Jeder durfte sich aussuchen, was er spielt." Der alte Herr ploinkt seine Bemerkungen in den aufgedonnerten Diskurs der Großkopferten und lächelt entspannt.

Seit der Klang der Elektrogitarre aus der amerikanischen Gasse lockt, schaut die ganze Welt neugierig hinein. Les Paul hat ihn quasi erfunden, er hat Amerikas Lebensgefühl neu gekleidet. Er spielte für die US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Dwight D. Eisenhower, für George W. Bush würde er nicht auftreten.

"For the Boys" im Heer, die er im Zweiten Weltkrieg musikalisch aufrichtete? "Natürlich!" Das Lächeln in der Stimme hält einen 50-jährigen Nachklang: "Es ist ja nicht ihr Fehler. Wir hätten schon in Vietnam unsere Lektion lernen müssen." (DER STANDARD, Printausgabe, 31.08.2005)