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Foto: APA/HARALD SCHNEIDER
STANDARD: In Ihren Experimenten zeigen Sie, dass sich die Menschen unter Laborbedingungen den Gesetzen des Marktes entsprechend verhalten. Aber warum stößt dann der Markt, vor allem der Freihandel, in der öffentlichen Meinung auf so viel Ablehnung?

Smith: Das liegt daran, dass die Vorteile des freien Marktes für die Menschen nicht sichtbar sind. Sie erreichen Ziele, die sie gar nicht anpeilten. Sie sehen nur, dass sie in ihrem eigenen Vorteil handeln, aber nicht, dass dann die ganze Gruppe besser dran ist. Wenn sie das in der Laborsituation nicht begreifen, wie kann man es dann von den Menschen draußen in der Welt erwarten?

STANDARD: Aber auch Ihre Überzeugung, dass der Markt persönliche Freiheit mit sich bringt, ist nicht weit verbreitet, zumindest nicht in Europa.

Smith: Ja, es bewegt sich sogar in die andere Richtung. Dabei muss etwa Deutschland nur in seine eigene Geschichte zurückblicken, zum Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Das kam zustande, weil Ludwig Erhard die Befehle der Alliierten ignoriert und keine Lohn- und Preiskontrollen erlassen hat.

Die Wirtschaft wuchs, die Bürger wurden reicher, aber nach und nach wurde das Wachstum durch eine Politik der Umverteilung verringert. Man muss sich nun fragen, was in Deutschland früher besser funktioniert hat. Es gab mehr Freiheit. Deshalb haben die Länder, die auf dem Freiheitsindex an der Spitze stehen, das höchste Einkommen und die stärkste Innovationskraft.

STANDARD: Die USA bieten viel individuelle Freiheit, aber hat die katastrophale Reaktion der Behörden auf Hurrikan "Katrina" nicht gezeigt, dass dies nicht ausreicht? Braucht man nicht manchmal mehr Staat?

Smith: Bei "Rita" wurde bereits früher reagiert, weil man aus "Katrina" gelernt hat. Vor einem solchen Ereignis schauen die Dinge ganz anders aus als danach. Nachher ist man immer klüger. Doch Regierungen sind nicht allwissend.

STANDARD: Kann Amerika heute von Europa etwas lernen?

Smith: Vielleicht gibt es Erfolge, doch ich sehe sie nicht.

STANDARD: Und gibt es etwas in der US-Wirtschaftspolitik, was Ihnen missfällt?

Smith: Die US-Defizite machen mir Sorgen, vor allem ein Handelsdefizit, bei dem der Dollar um 30 Prozent fallen muss, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Die US-Wirtschaft ist weniger attraktiv geworden, als sie es vor den großen Budgetdefiziten war.

STANDARD: Ihre Steuerpläne sind radikaler als alles, was in Europa diskutiert wird: Sie wollen nur den Konsum besteuern. Ist das nicht unsozial?

Smith: Das Geld, das ein Mensch erspart, bleibt der Wirtschaft erhalten, wird investiert und produziert das Wachstum von morgen. Nur das, was er verbraucht, nimmt er der Gesellschaft weg, denn das kann dann kein anderer konsumieren.

Ein Mensch, der reich ist, aber nicht viel davon ausgibt, lässt den Rest für dich und mich arbeiten. Er hilft dadurch, die Armut zu bekämpfen. Das mag zwar nicht seine Absicht sein, aber er tut es dennoch. Wir sollten ihm applaudieren und ihn nicht bestrafen.

STANDARD: Und warum soll man keine Steuern von Unternehmen einheben?

Smith: Alles, was in das Unternehmen hineinfließt, geht wieder hinaus - an andere Firmen, Mitarbeiter, Gläubiger oder Aktionäre. Alles geht an Individuen. Deshalb soll man nur Individuen besteuern - und nur den Verbrauch.

STANDARD: Aber das funktioniert nur dann, wenn die Aktionäre im Inland leben. Sonst profitieren ja nur Ausländer.

Smith: Das mag stimmen, aber niedrige Steuern machen ein Land auch attraktiver für Investitionen, und das führt wieder zu mehr Wachstum. Das zahlt sich aus. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.09.2005)