Die neue CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in der Wählergunst abgehängt. Nach einer Umfrage von Forsa würden derzeit 40 Prozent Frau Merkel direkt zum Kanzler wählen, den Amtsinhaber hingegen nur 34 Prozent. In der Vorwoche hatte Schröder mit 38 zu 37 Prozent noch vorne gelegen. Die SPD ist auch wieder unter die 40-Prozent-Marke gerutscht. Bei einer Bundestagswahl würden sich derzeit 39 Prozent der Deutschen für die Sozialdemokraten entscheiden, 37 Prozent für die CDU/CSU. Die Union hat damit seit ihrem Parteitag, bei der auch die Führungsspitze neu gewählt wurde, um vier Prozentpunkte zugelegt. Die Grünen würden derzeit sieben Prozent erreichen, die FDP sechs. Unter dem Eindruck sinkender Umfragewerte begann die SPD am Mittwoch ihre Debatte über ein neues Grundsatzprogramm der Partei. Die SPD muss den Begriff Gerechtigkeit nach Meinung ihres stellvertretenden Vorsitzenden Wolfgang Clement neu definieren. Gerechtigkeit könne "nicht mehr auf traditionellem Wege erreicht" werden. "Wir müssen in Zukunft mehr darauf achten, dass jeder Einzelne seine Pflicht übernimmt", sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Darüber werde es in der SPD "schmerzhafte Diskussionen" geben. Die soziale Gerechtigkeit dürfe nicht "als Lazarettwagen hinter der wirtschaftlichen Entwicklung" hinterherfahren, warnte dagegen SPD-Vize Rudolf Scharping, der die Programmkommission leitet. Die Debatte über ein neues Programm, das in einem Jahr fertig sein soll, dürfe sich nicht zu sehr von der praktischen Politik entfernen. "Die Rufweite muss erhalten bleiben." Der Berater des britischen Premierministers Tony Blair, Anthony Giddens, der das umstrittene Schröder-Blair-Papier mit verfasst hatte, rief ebenfalls zur Suche nach neuen Wegen auf. Er plädierte ebenfalls für mehr Selbstverantwortung des Einzelnen. Meinhard Miegel vom renommierten Institut für Wirtschaft und Gesellschaft zog das Fazit, dass sich CDU und SPD programmatisch immer mehr annähern. "Die große Vereinigung kann nicht mehr lange auf sich warten lassen."