Es ist schon ziemlich grotesk. Die Kontrahenten der polnischen Präsidentschafts-Stichwahl in knapp zwei Wochen vertreten Parteien, die eine Regierung bilden wollen, aber im Grundsätzlichen kaum unterschiedlicher sein könnten. Beide, die Bürgerplattform von Donald Tusk und die Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) von Lech Kaczynski, sind aus der Freiheitsbewegung Solidarnosc hervorgegangen. Aber sie stehen für konträre gesellschafts- und wirtschaftspolitische Konzepte.

Dort die Betonung des selbstbestimmten, mündigen Bürgers, den der Staat in seiner Lebensgestaltung einschließlich wirtschaftlicher Entfaltung möglichst wenig bevormunden soll; hier ein fest gefügtes Weltbild mit den Säulen Nation, Religion und starker Staat als Garant von Stabilität und sozialem Ausgleich. Einzig die scharfe Abgrenzung von der kommunistischen Vergangenheit bildet eine größere Berührungsfläche.

Es sind zwei Polen, die hier gegeneinander stehen: ein stark auf sich selbst bezogenes und EU-kritisches, das kaum von Selbstzweifeln angekränkelt scheint; und ein europäisches, weltoffenes, das auch zu kritischer Selbstreflexion fähig ist. Donald Tusk und Lech Kaczy´nski bilden auch in ihrem Habitus die Pole dieser zwei Polen. Sie machen damit die Stichwahl zur Richtungsentscheidung. Denn das polnische Staatsoberhaupt hat sowohl im Gesetzgebungsprozess als auch in der Außenpolitik eine starke Position.

So oder so: Die Polen werden, obwohl sie schon recht wahlmüde sind, wieder einmal ein europäisches Zeichen setzen. Bei einem Sieg von Lech Kaczynski kämen noch zwei besondere Kuriositäten hinzu: Das Land würde dann von einem eineiigen Zwillingspaar dominiert (Bruder Jaroslaw ist Chef der PiS, der stärksten Partei); und der Präsident stünde in seinem Staatsverständnis just dem Oberhaupt jenes Landes am nächsten, das er am allerwenigsten mag: dem Russland Wladimir Putins. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2005)