Endlich hatten es die Feiertage erlaubt, die zahllosen Bücher meines Vaters zu sichten und zu schlichten.* 180 Kartons füllten diese Bibliothek und stellten mich vor das Problem, was weiterhin aufbewahrt werden soll - und was nicht.

Die Entscheidung war nicht leicht. Schließlich siegte der Realitätssinn: Bücher mit dem Schwerpunkt "Sozialpolitik" wurden ausgesondert, denn gegenwärtig deutet alles darauf hin, dass solche Texte in absehbarer Zeit kaum noch Beachtung finden werden.

Sozialpolitik, ade!

In den beiden letzten Jahrzehnten war deutlich geworden, dass der alte Gesellschaftsvertrag zwischen Kapital und Arbeit nicht mehr gilt. Im Unterton vieler politischer Stimmen - auch und nicht zuletzt aus der Sozialdemokratie - war unüberhörbar, dass man das Heil in einer Art "Amerikanisierung" des Wirtschaftslebens suchte und die Menschen sich danach gefälligst zu richten hätten. Selbst die Sozialpartnerschaft bzw. deren Arbeitnehmerflügel wurde mehr aus taktischen, denn aus sozialpolitischen Gründen gepflegt.

Wozu also noch diese vielen Bücher über Sozialpolitik einordnen? Bei Durchsicht der "Kathedersozialisten", die Marx so vehement kritisiert hatte, beim Blättern in den Schriften der alten Wiener Schule der Nationalökonomie oder in den Handbüchern der Soziallehre Vogelsangs erschien mir alles illusionär - obwohl keineswegs veraltet. Und als mir dann noch das Buch von Karl Renner in die Hände fiel ("Mensch und Gesellschaft"), war endgültig klar, was ohnehin schon die Spatzen vom Dach pfeifen: Sozialpolitik ade! Einerseits hat man sie nachhaltig daran gehindert, der neuen Arbeitswelt entsprechende Leitlinien zu geben, andererseits zeigten die sozialdemokratischen Zeitgenossen bei weitem mehr Interesse am Wohlergehen des Kapitals als an der Humanisierung der Arbeitswelt.

Dessen ungeachtet wunderte man sich in den Parteisekretariaten, dass immer mehr Arbeiter ihre alte Partei im Stich ließen, hatte man doch mit Frühpension und Arbeitslosengeld ein tragfähiges soziales Netz gespannt. Hatte man? Mag sein, bloß war gleichzeitig völlig in Vergessenheit geraten, dass Arbeit auch Identität stiftet, Selbstwertgefühl vermittelt und Sinn verleiht und dass Sozialpolitik in Europa daher weit mehr ist als Hilfestellung, höherer Lohn und Sozialversicherung.

Sie ist seit 150 Jahren ein nachgerade ein Wesensmerkmal unserer Kultur - ein Kulturmodell allerdings, das bei uns bezcichnender Weise weit weniger gepflegt wurde als etwa Staatsoper oder diverse Festspiele.

"Flexibler Mensch"

Gerade die Sozialdemokraten verschrieben sich ganz dem "Neoliberalismus" und belehrten im Fernsehen die Zuschauer, dass nun eben ein schärferer Wind wehe, die Tüchtigen weiterhin ihr Auslangen finden, jene aber, die es nicht - oder nicht mehr - sind, zunehmend "unbezahlbar" werden. Jeder müsse selbst sehen, wo er in Zukunft bleibt, tönte es aus den Selbstbedienungsläden der neuen politischen Klasse. Kurz: Man spielte "Amerika" - ohne jedoch zu bedenken, dass US-Bürger unter völlig anderen Bedingungen ins Arbeits- und Wirtschaftsleben eintreten und dieses europäische Kulturmodell kaum kennen.

Der "flexible Mensch", von dem Richard Sennett als dem neuen homo oeconomicus schrieb, ist eben kein Europäer. Ist dieses Menschenbild als Zielvorstellung aber auch wirklich erstrebenswert, sinnvoll, attraktiv?

Vor einigen Monaten hat Paul Blau in einer kleinen Studie diesen neuen Weg der österreichischen Sozialdemokratie schlicht als "Verrat" bezeichnet. Der schmale Band, der deutlich macht, wie zutreffend die Analysen von Karl Marx angesichts der Entwicklung des Europa-Kapitalismus (wieder) sind, war in der großen Partei kaum beachtet worden.

Vermutlich verkörpert eher Frank Stronach gegenwärtig genau jenen Typus, den Sozialdemokraten für den genuinen "sozialistischen Menschen" halten. Er stellt auch ein strukturelles Äquivalent zwischen Politik und Fußball dar, zumal immerhin einiges darauf hin deutet, dass der Menschenhandel im Berufssport das künftige Modell für Arbeitsmarkt und Wirtschaftspolitik abgibt. Und dass Stronachs Konzern zuletzt zum Auffangnetz für emeritierte SPÖ-Politiker wurde, scheint auch die letzten Kritiker seiner Unternehmenspolitik versöhnt zu haben.

Trübe Aussichten

Vor diesem Hintergrund - der völligen Anpassung der alten Partei an die neue Ökonomie - ist zu vermuten, dass selbst hochherzige Bemühungen des neuen Vorsitzenden der Partei nicht ausreichen werden, die Fehler der Vergangenheit auszubessern oder gar die Erinnerung an die politischen Traditionen zum Programm zu machen. Die sozialdemokratische Partei kennt nicht mehr die Interessen ihrer Mitglieder und Wähler, hat sich ihrer "Basis" völlig entfremdet.

Also wird der Parteitag von einer oppositionellen Kriegserklärung gegen die Regierung getragen sein, jene Wünsche und Hoffnungen aber, die einst zur Gründung der sozialdemokratischen Partei unter Viktor Adler geführt haben, wohl kaum berühren.

Im Grunde müssten sich die SP-Funktionäre ja bei den Blauen bedanken: Denn gäbe es die FPÖ nicht, welcher führende "Genosse" könnte dann noch glaubhaft machen, dass die SPÖ immer noch eine linke Partei ist?

Prof. Dr. Reinhold Knoll lehrt am Institut für Soziologie der Universität Wien; er zählte in den 70ern zu jenen Intellektuellen, die Bruno Kreisky unterstützten, engagierte sich in späteren Jahren kurzfristig auf Bezirksebene für die Volkspartei und pflegte seit diesem Intermezzo faktisch wie publizistisch eine ausgeprägte Distanz zur Politik der großen Koalition.
* August Maria Knoll (1900-1963), Soziologe und katholischer Sozialreformer