Jannis Kounellis zählt zu den wichtigsten Vertretern der Arte Povera und wurde für seine monumentalen Installationen berühmt. Er selbst definiert sich stets als Maler.

Foto: STANDARD/Newald
Kounellis malt Bilder im Jenseits der Beschränkung auf nur zwei Dimensionen. Reproduzierte Fotos will er in seinem retrospektiven Portfolio "Opus 1" keine sehen, erklärt er im Gespräch mit Markus Mittringer.


STANDARD: Nachdem die 47 Blätter des Portfolios "Opus 1" ja eine Retrospektive im Koffer darstellen, drängt sich die Frage auf, welche Auswahlkriterien dem Portfolio vorstanden.



Kounellis:
Ich bin in einer Stadt geboren, die von Mauern umgeben war. Jetzt lebe ich wieder in einer Stadt, die von Mauern umgeben ist. Ich musste reisen. Meine Reisen sind die Frucht einer unstillbaren Neugierde. Die Auswahl repräsentiert Teile meines Lebens, Stationen dieser Reise. Viele der Arbeiten wurden als Installationen kreiert, die es heute einfach nicht mehr gibt. Es gefällt mir, den Dokumentarfotos durch die Drucktechnik den Charakter eines Gemäldes zu verleihen.

STANDARD: Sie haben nie selbst fotografiert?



Kounellis:
Nein, ich bin Maler! Die Fotos, die ich jetzt verwendet habe, haben andere gemacht. Es sind deren Perspektiven.

STANDARD: Zeigt "Opus 1" ein subjektives Erinnern, oder appelliert es an ein kollektives Gedächtnis?

Kounellis: Es steht für Erfindungen von Menschen der späten Nachkriegszeit; linguistische Erfindungen. Ich denke, die "Jungen" sind dem sehr nahe, meiner Idee das Bild zugunsten einer weiteren dialektischen Ebene zu verlassen. Das alles völlig undogmatisch.

STANDARD: Für wen arbeiten Sie?

Kounellis: Meine Arbeiten entstanden alle zu ganz präzisen Daten. In diesem Sinn sind sie lesbar. Und - im Vergleich - auch einer Allgemeinheit zugänglich.

STANDARD: Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit wird immer wieder eine "europäische Kultur" zitiert? Was zeichnet eine so genannte "europäische Kultur" aus?

Kounellis: Es gibt eine europäische Identität, eine Nachkriegs-Grammatik, zu der meine Generation beigetragen hat.

STANDARD: Identität entsteht als Summe kultureller Leistungen?

Kounellis: Ja, seit Karl dem Großen ist das so. Nationalistische Bewegungen schwächen das ab, aber die Grammatik ist unübersehbar. Es hat sie immer gegeben. STANDARD: Ist die EU ein geeignetes Instrument, diese Identität zu transportieren?

Kounellis: Ich glaube - ich hoffe!

STANDARD: Was interessiert Sie an der Figur des "Falschspielers"?

Kounellis: Ich hab ja mich als Spieler im Bild. Die Karten, die ich spiele sind meine Bilder. Damit kann man nicht falsch spielen.

STANDARD: Caravaggio hat "Falschspieler" gemalt.

Kounellis: Wir haben in Italien zwei unverwechselbare Maler: Caravaggio und Massacio. Das sind zwei ideologische Positionen. Bei Caravaggio ist es die Dramaturgie, die mich interresiert, nicht das möglicherweise Mondäne an den Bildern. Beide sind Vertreter einer Kultur. Spannend ist, dass die dramaturgischen Zeichen, die beide setzten, den Kontext, aus dem heraus sie gesetzt wurden, überleben. Die Zeichen, die Gesten bleiben, egal wie sehr sich das Verständnis für den Kontext ändert oder schwindet.

STANDARD: Lässt sich eine Dramaturgie Ihrer Arbeiten überhaupt fotografisch vermitteln?



Kounellis: Nein, es geht nur um Erinnerung, um Evokation. Das hat nichts mit Realität zu tun. Was aus diesen Fotos gemacht wurde - etwas sehr Malerisches - nimmt ihnen die Unmittelbarkeit der Dokumentation.

STANDARD: Das Malerische führt Distanz zu den Installationen ein?



Kounellis: Ich nenne meine Arbeiten ja selbst nie Installationen. Und die Fotos repräsentieren eben einen Blickwinkel auf das, was ich mache. Und das ist Malerei. Nicht weil ich male, sondern weil ich mit der Logik eines Malers agiere.

STANDARD: Sie verwenden immer wieder Alltagsgegenstände in Ihrer Arbeit, daneben kommen aber auch immer wieder Pferde vor.



Kounellis: Ich lebe nicht am Land. Ich finde es einfach spannend, Pferde symbolisch in eine Galerie zu holen - in einen exakt definierten Raum, in das Verhältnis, das üblicherweise der Künstler mit der Galerie zugedacht ist.

STANDARD: Die Galerie ist also Ihr Raum. Sie arbeiten nur sehr selten im öffentlichen Raum.



Kounellis: Ich mag das Theatralische an der Höhle "Ausstellungsraum", das Drinnensein. Diese Arbeiten könnten so nicht draußen existieren.

STANDARD: Ihre Beziehung zum Element Feuer, das immer wieder auftaucht?



Kounellis: Feuer kommt für mich der Bedeutung von Pferden gleich. Es markiert etwa in einer meiner jüngsten Ausstellungen in Paris die Augenhöhe eines Mannes. Feuer ist ein Element, das Aufmerksamkeit erregt.

STANDARD: Ist die Wärme von Bedeutung?



Kounellis: Nein, mich stört das aggressive Geräusch, das die Schweißbrenner verbreiten. Ich will die mythologischen Bedeutungen so weit wie möglich in den Hintergrund drängen.

STANDARD: Wenn Sie jetzt mit "Opus 1" gut vier Jahrzehnte an Arbeit zusammengefasst haben, denken Sie dann nicht automatisch bei jeder neuen Arbeit schon an die kommende Zusammenfassung?

Kounellis: Die "Neuheit" ist in dem Moment, in dem sie als solche erkannt wird, immer antik.

STANDARD: Wie fühlt es sich an, als Maler mit Fotos in einer Grafiksammlung repräsentiert zu sein? Kounellis: Ich habe in dieser meiner Ausstellung kein einziges Foto gesehen. Fotos fehlen hier eindeutig. Es sind nur Bilder ausgestellt. (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2005)