Für Triumphgebärden à la Steiermark oder Burgenland fehlte Alfred Gusenbauer diesmal das Resultat. Michael Häupl hat die absolute Mehrheit an Mandaten zwar ausgebaut, aber die Absolute an Stimmen haben ihm die Wienerinnen und Wiener eindeutig verwehrt. Es sind nicht so viele Haider-Wähler wie beispielsweise in der Steiermark zurück zur SPÖ gegangen. Heinz-Christian Strache und seine FPÖ haben ihnen genug "Heimat" gegeben und die Verluste weniger dramatisch ausfallen lassen als erwartet.

Auswirkungen auf Bundespolitik immer noch groß genug

Die Auswirkungen auf die Bundespolitik sind allerdings immer noch groß genug. Die linken Parteien verfügen in der Bundeshauptstadt über eine Zweidrittelmehrheit. Rechnet man den steirischen Umschwung dazu und addiert die burgenländische "Absolute" der SPÖ, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Volkspartei im Herbst 2006 die Kanzlerschaft nur mit Glück und Mühe halten kann. Durch das Wiener Ergebnis ist Jörg Haiders Abspaltung in eine Doppelmühle geraten. Seine Regierungsfraktion hat jetzt auch noch die Wiener Basis verloren, und die Freiheitlichen haben einen neuen, unangefochtenen Spitzenmann: Heinz-Christian Strache, der im Stil skandinavischer Rechtspopulisten die Frühjahrsschwäche in eine Herbststärke verwandelt hat.

Der Befund nach dieser Wahl:

1.) Jörg Haider ist nicht mehr der Chef des freiheitlichen Lagers.

2.) Wolfgang Schüssel hat die Steigbügel verloren.

Die Folgen:

1.) Es wird trotzdem keine zeitlich weit vorgezogenen Neuwahlen geben.

2.) Der Bundeskanzler versucht jedoch, die EU-Präsidentschaft für eine knappe relative Stimmenmehrheit bei den Nationalratswahlen im nächsten Herbst zu nützen.

3.) Auch Jörg Haider hat hohes Interesse, an Bord zu bleiben: wegen der BZÖ-Schlappen und aus finanziellen Gründen.

4.) Beide Regierungsparteien dürften personelle Änderungen anstreben. Eine größere Regierungsumbildung ist wahrscheinlich geworden.

Der Bundeskanzler kann trotzdem aufatmen. "Gio" Hahn hat der Volkspartei einen respektablen Zuwachs verschafft. Das sind zwar keine Häuser, aber die Wiener Schwarzen können ihr Verlierer-Image ablegen und in Ruhe, von Obmanndebatten verschont, ihre Zukunft planen, umso mehr, als sie spektakuläre Einzelresultate haben: zehn Prozent plus in der City und fünfprozentige Zuwächse in den Villenvierteln. Die "Döblinger Regimenter" kommen wieder zurück.

Maria Vassilakou und ihre Wiener Grünen hingegen haben erneut die optimistischen Umfrageresultate nicht erreicht. Der Zuwachs ist ordentlich, die Wahlarithmetik sichert ihnen einen Mandatsvorsprung vor den Freiheitlichen, aber er bedeutet keine wirkliche Trendwende gegenüber der Steiermark und dem Burgenland. Ihre Hoffnung, zur ÖVP aufzuschließen, ist zerstoben. Es ist ihr nicht gelungen, aus der Enttäuschung über die Regierungspolitik über die Bildungsschichten hinaus einen spektakulären Zuwachs zu erreichen. Beispiel: Die Grünen sind in Neubau mit 35 Prozent eine Großpartei, in Favoriten und in Floridsdorf stagnieren sie bei unter zehn Prozent.

Erschütternde Wahlbeteiligung

Erschütternd ist die Wahlbeteiligung. Die Nichtwähler sind mit weit über dreißig Prozent gestärkt aus dieser Wahl hervorgegangen und repräsentieren jenen Frust, den die Politik tagtäglich verursacht. Der Wiener SPÖ und vor allem ihrem Spitzenkandidaten ist zu raten, den relativen Sieg nicht misszuverstehen und das politische Quasi-Monopol weiter zu verstärken. Ihre publizistischen Freunde werden sie am Ausbau der Macht nicht hindern. Vor allem deshalb, weil sie die politischen Werbepakete verstärkt nur noch mit "einer Firma" verhandeln müssen. Die demokratische Kultur freilich kennt andere Verhaltensweisen.

Haiders BZÖ von Kommunisten geschlagen

Die Hektik der nächsten Wochen wird sich vor allem im Regierungslager abspielen. Dass Haiders BZÖ von den Kommunisten geschlagen wurde, ist für den ehemaligen Stern des Südens eine persönliche Schmach. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2005)