Wien – Während sich die prominenten Staatsgäste der Wiener Islamkonferenz mit konkreten Lösungsansätzen zur Überwindung der Gegensätze zwischen dem Islam und dem Westen zurückhielten, formulierte der französische Islamexperte und Buchautor ("Das Schwarzbuch des Dschihad", "Die neuen Kreuzzüge") zwei konkrete Forderungen an die Regierungen Europas: Die Türkei müsse die Möglichkeit erhalten, der Europäischen Union beizutreten, und die muslimischen Einwanderer müssten in Europa besser integriert werden, forderte Kepel bei seinem Vortrag Montagabend in der Hofburg.

Die Integration der Türkei und der Einwanderer seien "der Schlüssel zu Erfolg" im Dialog der Kulturen, sagte Kepel. Die Türkei könnte als Signal dafür dienen, dass Demokratisierungsprozesse in der muslimischen Welt auch von innen heraus beginnen könnten. Die erfolgreiche Teilhabe der Muslime an den europäischen Gesellschaften wäre ein wichtiges Mittel im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus und den Terrorismus.

Der Franzose Kepel nahm auch zu den anhaltenden Ausschreitungen in Frankreich Stellung: "Das ist kein muslimischer Aufstand, die Ursachen liegen vielmehr in den sozialen Lebensverhältnissen", sagte Kepel.

Geiseln der Radikalen Probleme bei der Integration von Einwanderern entstünden primär, weil die meisten Migranten den unteren sozialen Schichten angehörten. Ohne soziale Integration sei aber auch keine Teilhabe am demokratischen System möglich, warnte Kepel. "Wir Europäer werden große Anstrengungen unternehmen müssen, um unsere muslimischen Mitbürger zu integrieren", prophezeite Kepel.

Als eine der zentralsten Fragen für die nächsten Jahre wertet der Autor Kepel, ob sich die muslimischen Gesellschaften aus der "Geiselhaft", in die sie durch die terroristischen Verbrechen einiger weniger Islamisten gerieten, befreien können. (szi/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2005)