Wien - Der stellvertretende Präsident der irakischen Nationalversammlung, Hussain al-Sharistani, rechnet im Vorfeld der für 15. Dezember angesetzten Parlamentswahlen mit einer neuen Terrorkampagne in seinem Land. Dies werde die Bürger jedoch nicht von einem Urnengang abschrecken. "Die Rebellen akzeptieren das Recht der Bürger nicht, ihre eigenen Führer zu wählen", sagte der Schiiten-Politiker im APA-Gespräch.

Den von Präsident Jalal Talabani während seines Wien-Aufenthalts genannten möglichen Abzugsbeginn der ausländischen Truppen Ende 2006 hält Sharistani für realistisch. Bei der Rekrutierung und Ausbildung eigener Streitkräfte und Polizei seien große Fortschritte gemacht worden. "In einem Jahr werden wir genügend Kräfte haben, um die Sicherheit aufrecht zu erhalten", ist der Schiit überzeugt.

Shahristani zog Bilanz. Auf der Seite der Positiva stünden die ersten freien Wahlen und das Referendum für "eine der progressivsten Verfassungen in der moslemischen Welt". Trotz Drohungen nutzten viele Iraker ihr Wahlrecht. Er "bewundere" besonders die Frauen, die sagten, ihre Kinder sollten nicht ein Leben im Terror verbringen. "Die Verfassung war keine leichte Aufgabe", so Shahristani. Das Prinzip des Islam und traditionelle Werte mussten berücksichtigt werden.

Auf der Negativ-Seite registriere der Irak viele Anschläge, verübt von Irakern, die mit dem Sturz des früheren Regime ihre Macht verloren, und welche die jetzige Regierung "entschlossen bekämpft". Viele Terroristen - "trainiert, ausgerüstet und finanziert von Terrororganisationen" - kämen aus moslemischen Staaten. Saharistani ergänzte: "50 Prozent schnappen wir, bevor sie Attentate verüben."

Zu den Selbstmordattentätern stellte der Schiit fest, laut dem Koran sei Selbstmord verboten. Selbstmörder kämen in die Hölle, und wer morde, begehe ein Verbrechen gegen die ganze Menschheit. Der Islam leide, wie auch andere Religionen, unter Fanatismus. Fanatische Gruppen profitierten von der schlechten Lage Einzelner, in einem angespannten Klima ließen sich "Übereifrige" leicht zu Terroraktionen animieren.

Auf die Frage, ob der Krieg gegen Saddam gerechtfertigt war, sagte Sahristani, ein Atomwissenschafter, der selbst unter diesem zehn Jahre eingesperrt war: "Drei Jahrzehnte lang haben die Iraker versucht, den Diktator loszuwerden. Hilfe von außen war nötig." Der Politiker berichtete von ursprünglichen Plänen, eine Fahrverbotszone im Südirak zu installieren, als Signal für die Bevölkerung, sich gegen die Diktatur zu erheben. Er selbst sei nicht für eine Militärintervention gewesen.

Einen Bürgerkrieg im Irak befürchtet Shahristani nicht. "Schiiten, Sunniten, Kurden, Christen gehören zur traditionellen Bevölkerung." Es gebe auch viele gemischte Ehen. Zur Verfassung führte er aus, seine Vereinigte Irakische Allianz habe die Sunniten, die letztlich die Wahl boykottierten, zum Mitmachen eingeladen. "Wir werden versuchen, die umstrittenen Verfassungsartikel einer Revision zu unterziehen."

Zur Sorge der Christen wegen der Sharia als Basis der Verfassung meinte Shahristani, es sei festgeschrieben, dass die islamischen Gesetze zur UNO-Menschenrechtscharta nicht in Widerspruch stehen dürften. Der Berater des einflussreichen schiitischen Geistlichen Ali al-Sistani, der 2004 das Premiersamt ablehnte, ist überzeugt: "Der Irak wird wieder seine historischen Rolle als multikulturelle und pluralistische Gesellschaft spielen." (APA)