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Wer auf einer dieser Seiten stand, hatte nicht nur seine Habe verloren, sondern auch sein Leben verwirkt. Penibel wie die Deportationslisten führten die Nazis auch den Besitz an, den sie ihren Opfern raubten.

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Dennoch wird es noch dauern, bis tatsächlich ausgezahlt werden kann.

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Herr A. B. lebt nicht mehr. Er wurde 1886 in Wien geboren und hatte das Pech, Jude zu sein. Das entwickelte sich spätestens nach der Machtübernahme der Nazis zum lebensbedrohenden Unglück, dem die Familie B. gerade noch entkommen konnte. Zurücklassen mussten sie ihr Hab und Gut im Sinn des Wortes: eine Immobilie in der Josefstadt, einen Handelsbetrieb, bewegliches Vermögen in Form von Hausrat, Wertgegenständen, Mietrechten, ferner Versicherungen und Bankguthaben.

Dieser Tage erhielten die Nachfahren von Herrn A. B. eine Verständigung des Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus, in der eine Bewertung der Ansprüche vorgenommen wird. Das Schreiben ist auch die Dokumentation einer jahrzehntelangen Restitutionsgeschichte, die mit einer böswilligen Unterstellung aufräumt: Dass nämlich "die Juden", die in Österreich enteignet wurden, ohnehin großzügig entschädigt worden seien. Im Detail sieht das so aus:

  • Der Antrag auf Entschädigung für die Immobilie wird abgewiesen, weil Herr A. B. nicht als Eigentümer im Grundbuch aufscheint.

  • Für das bewegliche Vermögen hat eine Erbin nach dem Krieg eine Entschädigung von 7000 Dollar erhalten, also besteht kein weiterer Anspruch.

  • Dem Antrag auf Entschädigung für den Betrieb wird stattgegeben, die Forderung mit 4403 Dollar beziffert.

  • Für die Schuldverschreibungen werden der Antragstellerin 8036,05 Dollar gutgeschrieben.

  • Die Lebensversicherung wurde der oben genannten Erbin 1956 ausgezahlt, Antrag daher abgelehnt. Eine weitere Versicherung wurde nie ausgezahlt, also wird diese jetzt mit 2263,37 Dollar bewertet.

  • Der Verlust des Bankguthabens wird mit 12.465,38 Dollar veranschlagt, sodass sich die Gesamtforderung auf 27.167,80 Dollar beläuft.

    Die Festlegung solcher Summen bedeutet keineswegs, dass sie in voller Höhe ausgezahlt werden, bestätigt Hannah Lessing vom Entschädigungsfonds auf Anfrage des STANDARD. Wie viel es letztlich sein wird, wagt sie nicht zu sagen: "Das hängt von der Summe der Forderungen ab, die noch ausständig sind." Mehr als 210 Millionen Dollar sind nicht zu verteilen. Ob die Quote bei 25 Prozent, darüber oder darunter liegen werde, könne seriös nicht prognostiziert werden. Zum einen sind von 19.000 Anträgen erst 2700 fix entschieden, zum anderen kann erst bei Vorliegen aller Forderungen die Aliquotierung festgelegt werden. Lessing geht davon aus, "bis 2007 alles fertig zu haben". Die Auszahlung könne dann rasch vorgenommen werden.

    Dennoch bleibt es ein Wettlauf mit der Zeit, und die 170 Mitarbeiter Lessings arbeiten rund um die Uhr: "Insgesamt liegen uns 200.000 Einzelforderungen vor, die mit früheren Anträgen gegengecheckt werden müssen, um Mehrfachzahlungen auszuschließen." Manche davon seien an einem Tag erledigt, für andere brauche es ein Monat - "das hängt ganz von der Aktenlage ab".

    Die Zahl der noch lebenden direkten Opfer schätzt Lessing auf "rund 15.000. Aber sie sind schon sehr alt, und täglich sterben ein bis zwei davon". Auf politischer Ebene tritt vor allem die grüne Migrationssprecherin Terezija Stoisits für ein höheres Tempo ein. Sie will so rasch wie möglich mit Vorauszahlungen beginnen, unabhängig von der Rechtssicherheit, die von der Regierung als Voraussetzung für die Auszahlungen vorgeschoben wird. Vor einem warnt Stoisits jetzt schon: "Es soll später nicht behauptet werden, dass damit die Verluste der Opfer beglichen wurden. Das ist eine Geste, aber keine Wiedergutmachung." (DER STANDARD, Printausgabe 19.11.2005)