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"Wir sind alle Kinder von Migranten" - solche und ähnliche Gedanken konnten Passanten auf bunte Zettel schreiben und an ein Seil heften, das rund um das Denkmal am Pariser Place de la République gespannt war. Mit der Aktion appellierte die Organisation "SOS Racisme" an die Regierung, Diskriminierungen und Ungleicheiten zu bekämpfen, die sie für die Unruhen Anfang November verantwortlich machen.

Foto: AP/Michel Euler
"Die meisten kamen gar nicht erst auf die Idee, dass sie für ein Studium an Sciences Po geeignet wären." So lautet eine der Schlussfolgerungen aus einem Programm mit den Namen "Conventions Éducation Prioritaire" (CEP), mit dem das renommierte Pariser Politik-Institut Studierende aus schwierigen Vierteln motivieren möchte, sich für ein Studium an Sciences Po zu bewerben.

Höhere Bildungsschichten privilegiert

Schon im Jahr 2001 setzte sich die Institutsleitung unter Direktor Richard Descoing damit auseinander, dass die Studierenden an Sciences Po - ebenso wie die der anderen französische Eliteunis - fast ausschließlich aus der höheren Bildungsschicht stammen: Am Pariser Politik Institut sind es rund 80 Prozent. "Wir haben festgestellt, dass das Auswahlverfahren jene privilegiert, die nicht nur in finanzieller Hinsicht besser gestellt sind, sondern auch durch ihren familiären Hintergrund", erklärt Cyril Delhay, Verantwortlicher für die CEP, gegenüber derStandard.at/Uni. Dadurch aber blieben Talente unentdeckt, die für ein Studium an Sciences Po aber sehr wohl geeignet wären, bedauert Delhay.

Um dies zu verändern hat das Institut Verträge mit Schulen abgeschlossen, die in schwierigen Vierteln liegen. Im Jahr 2001 waren es noch sieben, inzwischen ist die Zahl auf 23 angestiegen, darunter auch eine Schule im Pariser Vorort Aulnay- sous-Bois, einer der Schauplätze der jüngsten Unruhen in den französischen Vororten.

Selektion nach Leistung und Vielfalt

In Zusammenarbeit mit den Partnerschulen wird ein eigenes Aufnahmeverfahren abgehalten: "Die LehrerInnen stehen im Zentrum des Programms, denn sie kennen die Qualitäten ihrer SchülerInnen am Besten", erklärt das Institut in einem der vielen Berichte, die im Laufe der Jahre begleitend zum Programm verfasst wurden. Darin legt man großen Wert darauf, dass man vom Prinzip der Selektion nach Leistung nicht abgehen, sondern die "Vielfalt in der Exzellenz" - so ein immer wiederkehrendes Schlagwort - sicherstellen wolle. "Wenn man Vielfalt will, muss man auch verschiedene Auswahlverfahren haben", betont auch Delhay.

Hürden

In den Berichten kristallisierten sich auch die größten Hürden heraus, mit denen SchülerInnen aus den benachteiligten Bezirken zu kämpfen haben. Davon ausgehend hat das Institut ein umfangreiches Begleitprogramm entwickelt: Lehrende von Sciences Po informieren an den Schulen über das Studium, die SchülerInnen können sich im Rahmen von Informationstagen vor Ort selbst ein Bild machen und an Vorlesungen teilnehmen sowie Studierende treffen. Bei einem Runden Tisch informieren VertreterInnen verschiedener Berufe über Berufsbilder und -chancen. Schließlich bietet Sciences Po ergänzend zu den staatlichen selbst Stipendien an.

Mehr Kinder von Arbeitslosen, Arbeitern und Angestellten

Zufrieden zieht man an Sciences Po Bilanz über den bisherigen Verlauf des Programms: Die Studierenden hätten sich wunderbar integriert, was sich nicht nur an ihren guten Studienerfolgen messen lasse, sondern auch daran, dass viele von ihnen zu Klassensprechern gewählt wurden und in verschiedenen Studierendenvereinen mitarbeiten. Bei einer Umfrage gab der Großteil der Betroffenen an, sich gut bis sehr gut integriert zu fühlen. Ebenso freut sich Sciences Po über eine bessere soziale Durchmischung der Studierenden: Zwischen 50 und 70 Prozent der Studierenden, die über das Programm an die Uni kamen, sind Kinder von Arbeitslosen, Arbeitern und Angestellten.

Einwände

Den Erfolgsmeldungen zum Trotz bleibt bei manchen Angehörigen des Instituts die Skepsis. Vor allem die konservative Studierendengewerkschaft UNI hatte schon bei der Einführung des Programms im Jahr 2001 kritisiert, dass damit die strenge Selektion nach Leistung in Frage gestellt werde. Auch die Lehrenden an Sciences Po hätten weiterhin Einwände, gesteht Delhay ein, betont aber, dass sich die Stimmung gewandelt hätte. "Sagen wir einfach, dass die Mehrheit inzwischen die Seiten gewechselt hat und das Programm inzwischen unterstützt." Zusätzlich werde den Befürworten durch eine Umfrage der Rücken gestärkt, die erst vor kurzem erschienen ist: "88 Prozent der Franzosen sprechen sich für eine bessere soziale Durchmischung an den Grandes Ecoles aus", freut er sich.