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Der filigrane Schick der kleinen Gassen mit seinen Galerien und Inlokalen ist das Ergebnis einer neuen Lebendigkeit

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Das Theater Laznia Nowa ist "sein Baby". In Kazimierz, dem alten jüdischen Viertel von Krakau, hat Bartosz Szydlowski es gezeugt und großgezogen. Dabei war, als das Baby geboren wurde, Kazimierz ganz und gar nicht das, was man eine "gute Kinderstube" nennen könnte. Verfallen, verkommen, abgeschrieben.

Paradoxerweise waren es vor allem Künstler wie Bartosz Szydlowski, die Brachen und düstere Orte für den Geist erschlossen und für Kazimierz Interesse weckten. Bröckelnde Fassaden und morsche Holztüren inspirierten sie. Auch für Steven Spielberg waren genau diese grauen Gassen und schäbigen Häuserfronten das künstlerische Kapital. Für seinen Film "Schindlers Liste" fand er 1993 hier eine Originalkulisse vor. Für Kazimierz - das jüdische und das christliche - kamen danach bessere Zeiten: die der Touristen und der Immobilienhändler.

Für Bartosz Szydlowski fingen damals die Schwierigkeiten mit dem Besitzer des Gebäudes an. Die Krise nach sieben Jahren Aufbauarbeit war schrecklich. 2003 schließlich fiel die Entscheidung: Umzug nach Nowa Huta, Neuanfang. Von dem Flair künstlerischen Wirkens zehrt Kazimierz bis heute. Es sind nicht nur die schummrigen Theaterbühnen und unentdeckten Bildhauerwerkstätten, sondern vor allem Schmuckdesigner und Galeristen, die Kunst dort populär machen.

Tatsächlich ist es immer noch weit mehr Kunst als Kitsch, was der Reisende in den Schaufenstern und heimeligen Backsteinräumen entdecken kann. Moderne Malerei, deren Goldschichten an die Ikonenbilder christlich-orthodoxer Traditionen erinnern. Glas und Porzellan in leuchtenden, prallen Farben und großzügigen Formen. Skulpturen aus Holz, aus Stein. Verfremdete Figuren, Motive aus Christentum und Mythologie. Bernstein, kombiniert mit Silber oder Gold, Volkskunst als Fine Art. Mit der Kunst blüht die Szene.

Neubeginn im Viertel

Winzige Incafés, lauschige Plätzchen in Hinterhöfen, weiße Häkeldecken auf groben Gartentischen, frische Tulpen als Farbtupfer zwischen Ausschankbude und getünchter Innenhofwand. Und überall junge Menschen. Nicht weit entfernt die Markthallen. Dazwischen das jüdische Kulturzentrum. Auf den Stufen sitzen Männer mit faltigen Gesichtern und verkaufen Narzissen. Hier, im östlichen Teil von Kazimierz, mischt sich eine unbeschwerte junge Welt mit wiederkehrendem jüdischen Leben. Das jüdische Café Alef, zeigt stolz religiöse Insignien wie die Menora, einen siebenarmigen Leuchter, und die Mesusa, eine Schriftkapsel am Türpfosten. In Restaurants wie dem Klezmer Hois werden Gerichte nach alten jüdischen Rezepten zubereitet; koscher essen können Touristen allerdings kaum. Nur das Hotel Eden hat sich spezialisiert auf eine jüdisch-orthodoxe Kundschaft, meist Gruppen aus Israel und den USA, die - nach einem Besuch des nahe gelegenen Vernichtungslagers Auschwitz - in Kazimierz jüdische Spuren suchen.

Es ist eine brüchige Mischung aus Vergangenheitsbewältigung und jüdischer Gegenwartskultur. Nur in zwei der sieben Synagogen wird am Sabbat Gottesdienst abgehalten; die anderen sind museale Orte, die Geschichte erlebbar machen. Alle liegen dicht beieinander. In unmittelbarer Nähe der Alten Synagoge hat der britische Fotograf und Journalist Chris Schwarz in einer ehemaligen Möbelfabrik das jüdische Museum und Institut Galicia gegründet - als einen Ort jüdischen Vermächtnisses und Neubeginns. Seine Fotografien nähern sich zugleich dem Gestern und dem Heute an.

Manches Motiv mutet auf dem ersten Blick wie eine aufgeräumte Flusslandschaft, eine Wiese, ein Waldstück an. Beschauliche Orte, eine weite, sonnige Landschaft, friedliche Plätze. Erst nach und nach erschließt sich dem Betrachter das Grauen einstiger Massenerschießungen, aber auch Hoffung und Rettung in schwieriger Zeit. Und: Respekt den Toten gegenüber. Andere Fotografien zeigen Überreste einer kunstsinnigen Kultur, etwa prächtig bemalte Synagogen. Chris Schwarz geht aber über die Abbildung von Erinnerung hinaus.

Zuhören und lernen

Kinder aus Kazimierz, junge Polen und Gäste kommen im Galicia zusammen, um in Workshops Jiddisch zu lernen, jüdische Tänze einzustudieren und in hebräischer Sprache zu singen. Im Erfolg des jüdischen Kulturfestivals, das jedes Jahr Tausende nach Krakau und Kazimierz spült, spiegelt sich die neue Popularität der Klezmer-Musik wider. Die fröhlich und dennoch melancholischen Weisen der Schtetl-Kapellen sind Vorlage geworden für moderne Arrangements. Es verbinden sich Jazzelemente mit uralten Volksmelodien, osteuropäische Rhythmen mit klassischem Instrumentarium.

Manchmal sind es nur noch Anlehnungen an die Halbtonsprünge des Klezmer. "Modern klezmer music" spielt etwa im jüdischen Restaurant Klezmer Hois das Studenten-Trio Samech, in untypischer Besetzung mit Violine, Viola und Cello. Geigerin Agata Krauz verbindet jiddische Musiktradition beispielsweise mit rumänischen Volksweisen. "Ich komponiere und arrangiere selbst", sagt die junge Frau stolz. Längst haben neue Kompositionen eine begeisterte Hörerschaft erschlossen. Ebenso innovativ stellen sich die Werke jüdischer Filmemacher, Theaterregisseure, Autoren und Tanzperformer dar. In Ausstellungen, Workshops, Aufführungen und religiösen Diskussionen erweist sich das jüdische Kulturfestival Krakau als ein Markplatz internationaler jüdischer Kreativität. (Der Standard, Printausgabe 3./4.12.2005)