20. Madsen: "Madsen" (Vertigo/Universal)

"Tocotronic-Epigonen". "Tocotronic light". "Tocotronic schreiben Liebeslieder". - Was wurde nicht schon alles über Madsen gesagt, und zu einem gewissen Teil stimmt's auch - allerdings genauso: Tocotronic haben noch nie so eine öde Platte veröffentlicht wie ihre letzte. Dann doch lieber das Debüt der Gebrüder Madsen mit knalligen Songs wie "Vielleicht", "Die Perfektion" und "Immer mehr". So kann's gerne weiter gehen!

Coverfoto: Vertigo

19. The Cardigans: "Super Extra Gravity" (Stockholm Records/Universal)

Man merkt förmlich, wie sich die fünf SchwedInnen bemüht haben, dem Konzertpublikum wieder ein ähnlich charakteristisches Riff wie beim seinerzeitigen Kracher "My Favourite Game" bieten zu können - mit "I Need Some Fine Wine usw usf" ist dies auch gelungen. "Super Extra Gravity" ist das dritte Album in der rockigen (Nicht mehr ganz so-)Neu-Inkarnation der Cardigans, und wieder sind einige Songs enthalten, die fortgesetztes Fantum mehr als rechtfertigen - neben dem schon genannten vor allem der Eröffnungsheuler "Losing a Friend".

Coverfoto: Stockholm Records

18. "Else Lasker-Schüler: Ich träume so leise von dir" (Random House Audio/Edel)

Ein Experiment: Liebesgedichte der expressionistischen Lyrikerin ELS, gesungen von zeitgenössischen Sängerinnen; dazu zählen Mieze von Mia, Quarks-Jovanka, Paula-Elke und Klee-Suzie ebenso wie Schauspielerin Katja Riemann und Schlager-Urgestein Gitte Haenning. Arrangiert haben die Songs zwei Mitglieder der Punk-Popper Uncle Ho, was dem Sound trotz einiger Glätten noch genügend Kraft lässt. Der Terminus deutscher Befindlichkeitspop, der manchen von Ihnen den Schauder über den Rücken treibt, wird hier auf eine neue Ebene gehoben - und soll darum auch als Warnung an die Nicht-Zielgruppe so stehen.

Coverfoto: Random House Audio

17. Annie: "Anniemal" (679 Recordings)

Die "Observer"-Bewertung "Like Daft Punk doing ABBA" stolz auf dem Cover tragend, machte sich die anglophile Norwegerin daran sich als Alternative Kylie zu positionieren (obwohl Kylie das schon ganz gut selbst kann). Bei der seinerzeitigen Rezension von -> Annie waren wir noch eher skeptisch - aber irgendwie haben sich ihre Technicolor-bunten Ohrwürmer dann doch in Kopf und Bauch festgesetzt. Und "Heartbeat" bleibt eine der schönsten Dancefloor-Nummern der letzten Jahre.

Coverfoto: 679 Recordings

16. Björn Kleinhenz: "Trans Pony" (Johnny bråttom/just50.at)

In Schweden ist "Americana" eine nicht zu unterschätzende musikalische Bewegung, und dank der weitläufigen Landschaft wirken die meist schwermütigen Balladen im Schnittfeld von Country, Folk und Gitarrenpop durchaus passend. -> Björn Kleinhenz hat ein Händchen dafür, den Pop-Anteil genau so hoch zu halten, dass seine Songs der Konkurrenz die Show stehlen: Glockenhell, mit der Stimme eines jungen Neil Young gesungen ... und so harmonieverliebt, wie man es von skandinavischem Pop erwartet. Ein kleiner feiner Geheimtipp.

Coverfoto: Johnny bråttom

15. Pit Przygodda: "Schein an" (Sopot)

"Go Plus"-Sänger Johannes Pit Przygodda war auch abseits seiner Band nicht faul - diese Compilation umfasst Musikstücke, die er in den Jahren 1996 bis 2004 als Soundtrack-Beiträge für Filme geschrieben hat. Das Spektrum reicht von instrumentalem Easy Listening-Geschunkel über einen dadaistischen "Aha Soso Hihi Nanu"-Männerchor und melancholischen Pop im Stil seiner Band bis zu Electronica - darunter das von Gastsängerin Geka Winkler herzzerreißend gepiepste Titelstück "Schein an". Das drängt sich für die eine oder andere "Poplastikka"-Ausgabe auf "Okto" förmlich auf ...

Coverfoto: Sopot

14. The Books: "Lost and Safe" (Tomlab/Hausmusik)

Erneut zogen Paul de Jong und Nick Zammutto mit dem Mikrophon durch den amerikanischen Osten, um Sprach- und Klangsamples zu sammeln; in Kombination mit Instrumenten (prägnant: das Banjo) schufen sie so eine akustische Karte der Gegenwart. Stärker als früher haben -> The Books diesmal Song-Strukturen herausgearbeitet, immer noch sind sie aber ein gutes Stück von gängigen Hörgewohnheiten entfernt. Konzentration ist gefragt, ansonsten verweht die hypnotische und nebenbei bemerkt in keinster Weise anstrengend klingende Soundcollage wie ein zarter Nebelschwaden am Morgen.

Coverfoto: Tomlab

13. Andreas Dorau: "Ich bin der eine von uns beiden" (Mute/EMI)

Im globalen Ökosystem des Pop hat er eine Nische gefunden, in der er im wesentlichen allein und damit bequem genug sitzt, seinen charakteristischen Stil weiter und weiter zu pflegen. Der ewig junge und ewig rätselhafte -> Andreas Dorau ist nach sieben Jahren mit einem Album zurück gekehrt, das von Beginn an altvertraut klingt: Zu gemütlicher Sommerfrische-Disco drückt er dem Publikum gnadenlos kindliche Ohrwürmer wie "Wir sind keine Freunde" und "Dies ist kein Liebeslied" rein. Genialität und Dilettantismus in schmusiger Umarmung - ein echter Dorau eben.

Coverfoto: Mute

12. Velojet: "Velojet" (Wohnzimmer Records)

Eines der verblüffendsten Dinge an -> Velojet ist, dass sich das Steyrer/Wiener Quartett auf natürlichem Weg zusammen gefunden hat, denn besser hätte man eine Pop-Band weder optisch noch akustisch designen können. Erstaunlich, wie frisch ein so lange und vielfältig beackertes Feld wie der Drei-Minuten-Gitarrenpop klingen kann - geradewegs so, als wäre zum ersten Mal jemand auf die Idee gekommen. Die österreichische Nummer 1 im Jahr 2005.

Coverfoto: Wohnzimmer

11. Mugison: "Mugimama is this Monkey Music?" (Accidental Records)

Seit DC Basehead, den famosen Valiumtabletten des HipHop, hat niemand mehr einen so verschlafenen Dialog in seine Musik eingebaut wie Ornelius Mugison. Der Blues zieht sich durch das Album, mal folkig und sehr, sehr sachte klingend, dann zunehmend elektronisch verzerrt und bis zum Anschlag aufheulend ... um gleich wieder in seelige Ruhe zu münden. Und zu schüchternem Gesang gesellen sich Vocals, für die selbst Tom Waits mit Salbeitee gurgeln müsste. - Wo wäre die Musikwelt ohne schrullige IsländerInnen?

Coverfoto: Accidental Records

10. Bernadette La Hengst: "La Beat" (Trikont/Hoanzl)

Sie ist eines der Masterminds des unabhängigen deutschen Pop mit politischem Anspruch: Die umtriebige Bernadette La Hengst veröffentlichte 2005 ein Album, bei dem die Betonung auf "La" ebenso liegt wie auf "Beat". Denn anders als beim famosen Vorläufer -> "Der beste Augenblick in deinem Leben" wird diesmal fast ausschließlich gegroovt. Die transportierten Botschaften klar wie eh und je: "Was brauchen wir?" - "Liebe!!" - "Geld." / "Was ist es, was uns am Leben hält?" - "L'amour!!" - "Was zu fressen." / "Und wie schaffen wir es immer wieder aufzustehen?" - "Amore, amore!!" - "Weil wir täglich zur Arbeit müssen ...?" - "Ja."

Coverfoto: Trikont

9. Die Türen: "Unterwegs mit Mother Earth" (Staatsakt/Buback)

"Die ganze Ficke, ich mach den Scheiß nicht mehr mit - denn ich bin Bockfenster auf Kipp!" - Mit einem seiner explosiven Auftritte rockte das Berliner Trio Die Türen im Oktober sogar die notorisch zurückhaltende Viennale-Lounge, und wie. "Danke Punk!" rufen sie und machen daraus eine energiegeladene Rohling-Variante von Disco, oder: NDW-Rock mit dem entscheidenden Schuss Funkyness, der Erinnerungen an Fehlfarben und die Goldenen Zitronen weckt - und keinen der beiden Vergleiche zu scheuen braucht.

Coverfoto: Staatsakt

8. Paula: "Ruhig Blut" (Königskinder/SPV)

Es lohnt sich über Musik zu reden - und sei's nur, damit einem bewusst wird, warum man etwas schon die längste Zeit gemocht hat. Beim nur scheinbar unbedarften Pop von -> Paula (jetzt mit Gitarre statt Synthesizer) ist es das Element des Unerwarteten. Die Probe aufs Exempel: Ein paar der simpel wirkenden Lieder mitsingen versuchen und dann bemerken, wie oft man sich im Detail geirrt hat. Wie es auf dem Album ganz richtig heißt: "Es kommt immer alles anders ..." - und darum nicht Wir Sind Helden oder gar Juli, sondern Paula.

Coverfoto: Königskinder Schallplatten

7. Suburban Kids With Biblical Names: "#3" (Labrador Records)

Auf den Spuren von They Might Be Giants und Geistesverwandten wandelt das schwedische Duo Johan Hedberg und Peter Gunnarsson: Im Grunde Gitarrenpop, doch ist hier jeder Song durch originellen Einsatz von Instrumenten und Stimmen und sehr viel Spielfreude zu einem kleinen Kunstwerk geschnitzt. Hierzulande gab es das Debütalbum der Suburban Kids With Biblical Names bislang nur beim herbstlichen Minifestival-Auftritt (wo sie die Konkurrenz an die Wand spielten) zu kaufen. 2006 soll es aber einen Österreich-Vertrieb geben; dann folgt auch eine ausführlichere Rezension.

Coverfoto: Labrador

6. Jens Friebe: "In Hypnose" (ZickZack & Labels/EMI)

Er ist der Schönste von allen auf dem Abschlussball ... oder so ungefähr stellt er sich das zumindest vor. Auf jeden Fall ist -> Jens Friebe aber derzeit einer der besten - vielleicht der beste - Songwriter deutscher Zunge, daheim in Elektronik ebenso wie in Gitarrenpop. Nehmen wir mal an, der deutsche Schlager, der noch in den 60ern synonym mit Pop-Musik war, hätte sich nicht zur volkstümelnden Apokalypse, sondern in eine anspruchsvollere Richtung weiter entwickelt: So könnte das klingen.

Coverfoto: Labels

5. The Tough Alliance: "The New School" (Service/just50.at)

Es jault, es wummert, es trommelt, es tiriliert. Aus House, Synthie-Pop, Rave, Elektro und noch so einigem schufen Henning Fürst und Eric Berglund aus Göteborg eine quecksilbrige Groove-Mischung, die - auch wenn es paradox klingt - ebenso chaotisch wie harmonisch geriet. Die ekstatischen Songs bzw. Tracks von -> The Tough Alliance entziehen sich einer näheren Klassifizierung ... und ziehen einem entweder den letzten Nerv oder machen soviel Spaß wie kaum etwas anderes in diesem Jahr.

Coverfoto: Service

4. Maximo Park: "A Certain Trigger" (Warp/Edel)

Seit 5 Jahren zieht das Revival der Jungsrockbands an mir vorbei, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen - irgendwann musste ja mal eine dabei sein, die in der Lage ist Lieder zu schreiben, die man sich merken kann. Info-Schnipsel: Als VJ-Gäste spielten Maximo Park im Gegensatz zur Kollegenschaft nicht nur andere Jungsrockbands, sondern z.B. auch Björk und Joanna Newsom. Symptom dafür, dass hier eine Band über den Tellerrand schaut und deshalb aus der steingrauen Neorock-Schule hervorsticht oder bloß eine weitere Pose der Rock-Dandys? Egal, das Ergebnis zählt.

Coverfoto: Warp

3. Sufjan Stevens: "Come on feel the Illinoise" (Asthmatic Kitty Records/Roughtrade)

Wo steht Amerika, wo stehe ich? - Zwischen diesen beiden Fragen entfaltet sich ein melancholisches und äußerst filigran gesponnenes Folk-Album, das zwischen sehr stillen Momenten und geradezu barock opulenten Arrangements pendelt. Und es ist auch Folk im Sinne von: Hier werden Geschichten erzählt. -> Sufjan Stevens beschwört Motive aus der Historie und Mythologie des amerikanischen Mittelwestens herauf, um sie mit seiner persönlichen Geschichte zu verknüpfen. Die musikalische Umsetzung: berückend schön.

Coverfoto: Rough Trade

2. Patrick Wolf: "Wind in the Wires" (Tomlab/Soul Seduction)

Sein Debüt-Album -> "Lycanthropy" gestaltete sich noch als aberwitziges Stilgemisch im Sinne von: "Seht her, was ich alles kann!" - für den Nachfolger wählte Wonderwolf eine der gezeigten Facetten aus und entwickelte daraus ein inhaltlich wie soundmäßig sehr viel homogeneres Album: Relativ ruhig und sehr folkig mit behutsam eingebauter widerborstiger Elektronik. Wenn
-> Patrick Wolf
die weiteren Aspekte seines Schaffens ähnlich ausbaut, wird noch eine laaange Reihe großartiger Alben folgen; Nummer 3, "The Magic Position", ist - hurra! - bereits in Arbeit; die Aufnahmen begannen übrigens in Wien.

Coverfoto: Tomlab

1. Saint Etienne: "Tales from Turnpike House" (Sanctuary Records /Sony BMG)

... dass Patrick Wolf nicht die Nummer 1 werden könnte, hätte ich bis Juni nicht für möglich gehalten - dann aber kehrte eine Band zurück, die in ihrer eigenen Liga spielt. Seit 15 Jahren sind Sarah Cracknell, Pete Wiggs & Bob Stanley alias -> Saint Etienne auch in schwächeren Momenten stets der Inbegriff schierer Eleganz gewesen; 2005 hatten sie mit "Tales from Turnpike House" einen ihrer allerstärksten. Ob Dancefloor oder Ballade, House oder Bossanova: Hier steht der Olymp der Pop-Musik.

Coverfoto: Sanctuary