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Wien - "Geht Ihnen das Mozartjahr auch schon so auf die Nerven?", fragt Herbert Lippert gleich bei der Begrüßung. Ihm hätte ein Eröffnungskonzert gereicht; ein paar Opern noch, ein Abschlusskonzert - und aus. Da hat der Oberösterreicher leicht reden, war er doch beim Mozartjahr-Opening im Musikverein mit von der Solistenpartie: Mit Zubin Mehta und den Wiener Philharmonikern wurde am Donnerstag das Requiem zelebriert; am Samstag und Sonntag folgt die c-Moll-Messe mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus musicus.

Neben Harnoncourt ist auch Riccardo Muti zentraler Musizierpartner Lipperts. Wie geht das? Hier der Feingeist Muti, der Mozart zum Musikdenkmal hochglanzpoliert, da der Klangstürmer Harnoncourt, der das Blut in dem Mozart'schen Werkkörpern zum Pochen und Kochen bringt? Das geht, meint Lippert. Einmal habe er sogar eine Lauretanische Litanei Mozarts innert Wochenfrist zuerst unter der Leitung Harnoncourts und dann unter der Mutis aufgeführt. Nach der kleinteiligen, freche Akzente setzenden Interpretation Harnoncourts wären Mutis lang gezogene Legatolinien fast wie ein Schock gewesen. Anfänglich. Denn am Ende wäre er nach dem Muti-Konzert ebenfalls "selig nach Hause gegangen".

Und seine frühen künstlerischen Prägegestalten, Wolfgang Sawallisch und Sir Georg Solti, womit haben die dem jungen Herbert Lippert imponiert? "Bei Sawallisch war es dieses enorme Fachwissen, diese Sicherheit, mit der er Orchester und Sänger durch Werke geführt hat; bei Solti die Rastlosigkeit, das Feuer, mit dem er um jede Achtel eines Werks gekämpft hat."

Gekämpft hat auch Lippert - wenn auch auf außerkünstlerischem Gebiet: Ein jahrelanges Arbeitsrechtsverfahren mit der Staatsoper kostete das ehemalige Ensemblemitglied Geld und Nerven. Bereut er es im Rückblick? "Ja. Ich war damals ein Heißsporn. Aber es hatte auch sein Gutes: Ich habe mich auf Konzerte konzentriert. Konzerte und Familie, das kann man vereinbaren, Oper und Familie nicht."

Mittlerweile sind die fünf Kinder aus dem Gröbsten heraus. Und ein umjubelter Titus heuer in Hamburg hat dem 48-Jährigen die Musiktheaterluft wieder schmackhaft gemacht: "Seit Jahren habe ich nicht mehr so viel Spaß gehabt! Ich bin herumgehüpft als Titus - das kann man sich nicht vorstellen!" 2006 gibt Lippert den Tamino am Teatro La Fenice in Venedig; weitere Opernauftritte sollen folgen.

Folgen soll auch Mäßigung: "Ich hab immer gleich den Mund aufgerissen. Wenn mir etwas nicht gepasst hat, hab ich's sofort gesagt. Ich habe ein Meer von Feinden hinter mir hinterlassen. Inzwischen habe ich gelernt, auf meine Wortwahl zu achten und dreimal zu schlucken, bevor ich was sag - das hat mir meine Frau anerzogen." Sagt's und ereifert sich: "Aber das Mozartjahr, das ist ja eine reine Melkkuh, eine einzige Selbstinszenierungsaktion . . ." (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.12.2005)