Es gibt Leistungen, die man von NEWS naturnotwendig erwartet, und doch muss man sie jedesmal wieder aufs Neue schaffen. Mit dieser Frucht aus dem Füllhorn seiner Einsichten in die Natur und ihre oft seltsamen Wege eröffnete der Herausgeber von "NEWS" neulich eines seiner Editorials, um den Lesern klar zu machen, dass es der Natur in ihrer blinden Notwendigkeit nicht schaden kann, wenn ein Seher wie Wolfgang Maier ihr jedesmal wieder aufs Neue unter die Arme greift. Vielleicht war es diese Selbsteinschätzung als Vollstrecker, die andere in der Branche bewogen, der Fleisch gewordenen Naturnotwendigkeit einen "Extradienst" zu erweisen.

Um also die Launen der Natur zu ergründen, scheute ein Mitarbeiter selbigen Magazins weder Zeit noch Kalorien. Restaurant Bauer, Wien 1: Der ideale Ort, um sieben packende Stunden und neun grandiose Gänge mit dem öffentlichkeits-resistenten Herausgeber von "NEWS", "TV-Media" und "E-Media" zu genießen. Titel: Neun Gänge mit Wolfgang Maier. Wer zahlte?

Bei der Aussicht auf sieben packende Stunden und neun grandiose Gänge mit einem Mitarbeiter des "Extradienst" kommt auch die widernatürlichste Öffentlichkeitsresistenz ins Wanken und Naturgewalten brechen sich Bahn. Der Talk und das Talk-Menü waren delikat aufeinander abgestimmt.

Zu gebratenen Jacobsmuscheln in Nussmantel mit eingelegtem Muskatkürbis - Wein: Gewürztraminer von Gross, 2003 reichte Maitre Maier eine Empfehlung von Bruno Kreisky nach einem seiner allerletzten politischen Auftritte - "Schauen Sie, dass Sie sich nie wo bewerben oder aufdrängen" - und deren strikte Befolgung: Es ist mir bis heute gelungen . . . Und ich hab's in den letzten 25 Jahren nie unter Chefredakteur gemacht. Der naturnotwendige Zusammenhang von Jacobsmuscheln und männlichem Potenzgehabe soll ja vielfach erprobt sein. Manchen wird auch nur schlecht.

Bei Wildconsommé mit Pistazien-Butternockerl kam dann zur Sprache, wie Maier Kreisky 1979 zu einem schönen Erfolg verhalf, mit "G'schichten vom Dr. Kreisky." Das war ich. Diese G'schichten hab' ich geschrieben. IFES hat nach der Wahl herausgefunden, dass zwei Prozent dieses größten Kreisky-Sieges auf meine G'schichten zurückgingen. Sozusagen die Pistazien im Butternockerl der SPÖ.

Nach der Gründung des deutschen "Wiener" kamen die 1,5 Jahre als "Playboy-Chef bei Bauer und der Kabeljau im Serranoschinken auf Rahmkohlrabi. Nicht jedermanns Sache. Ich hab' dem "Playboy" genau so viele neue Leser gebracht wie alte verloren. Gut, das war zu wenig. Hugh Hefner hat über mich gesagt: "Maier ist der erste und hoffentlich letzte feministische Chefredakteur eines Männermagazins." Für diese Naturwidrigkeit hatte er sich weder beworben noch aufgedrängt, er hat vielmehr daraus gelernt: Man darf nicht sein eigenes Tempo fahren.

Bei "TV-Media" habe ich von dieser Erfahrung profitiert. Dort habe ich 5 Jahre lang 6 Tage pro Woche das ganze Blatt umgeschrieben und es damit von 150.000 auf 250.000 verkaufte Hefte gebracht - die richtige Begleitung zum mit Gansleber gefüllten Cox-Orange-Apfel auf Erdäpfelschaum.

Doch jetzt wird 's ernst: Kalbsfilet und Backerl mit hausgemachten Trüffelnudeln. Denn nach dem "Playboy" kam "Tango". Und "Tango" hat weh getan. Ich entwickelte einen "Stern" für Junge. Eher gescheit (wie "NEWS"). Aber Gruner+Jahr befürchtete einen Kannibalisierungseffekt gegen den "Stern", drehte das Projekt kurz vor dem Start von A, B- auf B, C-Schicht um. Als dann der Flop sichtbar wurde, konnte ich nicht umhin zu betonen, dass ich das vorausgesagt hätte und wir dringend ein Upgrading bräuchten. Irgendwann wollte man das nicht mehr hören und setzte mich vor die Tür.

Da hatte er leider verlernt: Man darf nicht sein eigenes Tempo fahren. Hätte er doch nur den "Stern" kannibalisiert und das ganze Blatt 6 Tage pro Woche umgeschrieben! Die Deutschen haben eben kein Gefühl für das Naturnotwendige, das jedesmal wieder aufs Neue zu schaffen ist.

Mit der Käse-Auslese - Wein: St. Laurent-Goldberg von Paul Achs, 2003 war man auch bei der Zeit angelangt, als Maier "TV-Media" etabliert, "E-Media" gegründet hatte und der Nachfolger von WoFe bei "News" wurde. Und dabei will er bleiben, obwohl ihm der WoFe bei seiner neuen Zeitung einen absoluten Top-Job angeboten hat.

Deswegen musste man den Nougatschaum auf Mangocoulis nicht auslassen. Ohne irgendeinen falschen Unterton: Ich freue mich auf die Tageszeitung von Wolfgang Fellner. . . Denn natürlich müssen andere erst einmal schaffen, was "News" heuer geschafft hat: in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft - die besten Storys hatte immer "News". Wieso nur heuer?

Wohl schon etwas müde gewesen beim siebenten Gang! Und bei den Crepes mit Marillen-Ingwer-Marmelade und Schokoeis kann sich Maier nicht einmal mehr erinnern, einen Chefredakteur Minderleister genannt zu haben. So endete das Menü wie das Interview mit kleinen Naschereien - naturnotwendig. (DER STANDARD; Printausgabe, 13.10.2005)