Wien - Würde nicht das größte und wichtigste Haus der Stadt, das Stadion, seinen Namen tragen, Arnold Schwarzeneggers Hartherzigkeit würde die Grazer Gemüter weniger rühren. Das Schwarzenegger-Stadion steht auf einem Platz, der den von den eifrigen Grazern enteigneten Sportlern der Hakoah vor dem Krieg als Übungsstätte diente. Es dient als Symbol für die Leistungsfähigkeit, den Einfallsreichtum, die Internationalität und den Schönheitssinn der steirischen Nation. Die Krönung sollte mit der Taufe erfolgen: Arnold-Schwarzenegger-Stadion. Mister Olympia, Terminator, Kennedy-Clan-Mitglied, Special-Olympics-Propagandist - er war alles, was die Steirer sein wollen: weltweit beliebt, begütert und anderswo wohnhaft.

In ihrem Buch "Stadion - Geschichte, Architektur, Politik, Ökonomie" (Turia+Kant, 2005, 40,10 €) leuchten Sozialwissenschafter rund um das Kernteam Matthias Marschik, Rudolf Müllner, Georg Spitaler und Michael Zinganel das Phänomen Stadion aus: vom Circus Maximus in Rom über das Tausendjährige Reich, die Verwendung als Konzentrationslage und Schauplatz für Hinrichtungen bis zum nationalen Altar des Maracana in Rio und den Trend, ein Stadion wie die Allianz-Arena in München als Teil einer Event-Inszenierung zu begreifen.

Rudolf Müllner erzählt vom Wiener Stadion, das von den Nazis als Internierungslager verwendet wurde. Bernhard Hachleitner schildert die Geschichte des Stadions von Pristina, das deutsche Politiker als Massengefängnis denunzierten. Dadurch drehte sich die Haltung der deutschen Bevölkerung zum Kosovo-Konflikt, der Auslandseinsatz erhielt den gewünschten moralischen Firnis.

Wie die OSZE 1999 feststellte, lässt sich die Behauptung, im Stadion von Pristina sei ein Konzentrationslager eingerichtet gewesen, nicht halten. Natürlich, so Hachleitner, war es für die Albaner egal, ob sie im Stadion oder anderswo interniert waren. Aber der Argumentation in Deutschland diente das Schreckgespenst vom Stadion als Massengefängnis. Dazu wurde das Bild des Stadions von Santiago ("Estadio Nacional"), das der chilenische Diktator Pinochet tatsächlich als Ort der Massenvernichtung verwendete, über die Realität geblendet.

Als sich die UdSSR im Rahmen der WM-Quali 1974 weigerte, in dem vom Blut der Gefolterten und Getöteten frisch gesäuberten Stadion gegen Chile zu spielen, wurde sie von der FIFA ausgeschlossen. Pinochet wollte mit dem Spiel aller Welt die "Normalität" seines Landes demonstrieren. In Österreichs Tageszeitungen erschienen Spekulationen, ob sich der FIFA-Beschluss gegen die UdSSR positiv auf Österreichs WM-Chancen auswirken würde, und ein besonders vifer Journalist warf der UdSSR "Amoklauf" vor.

Das Buch rückt das Stadion, die Kultstätte der Moderne, an der sich mehr Menschen zusammenfinden als sonst wo, in einen ideellen und ökonomischen Zusammenhang. Kapitel wie Jan Tabors "Traktat über das Stadion als Sondertypus politischer Geltungsbauten" sind dem aktuellen Zwist in Graz näher als Chile. Je länger man liest, desto stärker wird die Ahnung, dass in Graz nicht bloß um einen Namen und einen Pseudo-Helden gerungen wird. Es geht um das in Glas und Beton gegossene Selbstverständnis einer Stadt, eines Landes und um die ethische Ernsthaftigkeit ihrer Führer und Formulierer. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 19. Dezember 2005, Johann Skocek)