Wien - Die NS-Euthanasie in Wien, so wurde während des gleichnamigen Symposions, das Dienstag im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe zu Ende ging, erörtert, habe sich nicht nur auf geistig oder körperlich behinderte Menschen beschränkt. Die von den Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess aufgetischte Version, dass Juden nicht unter die Euthanasie gefallen wären, weil sie der "Wohltat des Gnadentodes" - so die zynische NS-Diktion - nicht würdig gewesen wären, stellte sich durch jüngste Untersuchungen als Lüge heraus. Mindestens vier jüdische Kinder wurden in der Wiener NS-Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund", heute Baumgartner Höhe, ermordet und mehr als 400 jüdische Erwachsene von dort in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen auch Margarethe Neumann, Tochter von Theodor Herzl. Und, so vermuten Experten, wäre der Krieg nicht beendet worden, hätte sich die "Euthanasie" auf weitere Opfergruppen erstreckt. "Arbeitsscheue"-Kartei Bereits 1939 hatten die Nazis in Wien rund 320.000 Menschen in eine Kartei aufgenommen, die zu gegebener Zeit einer "Säuberung" hätte unterzogen werden sollen. 1943 umfasste die Kartei bereits mehr als 700.000 - "Rassenschänder", "Abtreiberinnen", "sexuell Hemmungslose" oder "Arbeitsscheue". Heute leben noch 19 Frauen und Männer in Österreich, die als Kinder in der Wiener NS-Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" behandelt wurden. Viele von ihnen vom damaligen Anstaltsarzt Heinrich Gross, dem Beteiligung am Kindesmord vorgeworfen wird. Das Verfahren gegen den heute 84-Jährigen ruht. Die Justiz wartet noch immer auf ein Gutachten über den Geisteszustand des früheren SA-Mitglieds, das nach dem Krieg mit tatkräftiger Hilfe der SPÖ Karriere gemacht hat. Während des Symposions wurde neben Gross ein weiterer Nazi-Arzt genannt, bei dem Wissenschaft, Justiz und Politik weggeschaut haben - Hans Bertha. Der Grazer Neurologe war Gutachter der Mordaktion "T4", Arzt in der Vernichtungsanstalt Hartheim und kurz auch Chef in der Wiener Euthanasieanstalt. 1948 wurde Bertha von einem Volksgericht vom Vorwurf der illegalen NSDAP-Mitgliedschaft freigesprochen. Mehr hatte man dem angesehenen Wissenschafter nicht vorwerfen wollen. 1954 wurde er Professor an der Grazer Uni, ein Jahr später wurde das SPÖ-Mitglied Klinikchef, 1963 Dekan an der medizinischen Fakultät. Nach dem Tod des Arztes, der für die Kranken- und Behindertenmorde die Opfer ausgewählt hatte, wurde ihm zu Ehren ein Psychiatrie-Preis gestiftet. Der Bertha-Preis wurde bis in die 80er-Jahre vergeben. (fei)