The Strokes: "First ImpressionsOf Earth", erscheint am 30.12.

Foto: Sony BMG
Bei ihrem Auftauchen vor vier Jahren galt die US-Band The Strokes mit ihrem ballastarmen Rock als "die Zukunft des Rock'n'Roll". Mit ihrem nun erschienenen dritten Album "First Impressions Of Earth" ist die Band immerhin schon in der Gegenwart angekommen.


Wien – Armer Julian Casablancas. Angst vorm Schlaf hat er – und alle seine Bekannten satt. Bis hierher. Alle gängigen Hausmittel versagen: "I don't feel better when I'm fucking around", singt er. Schwierig. Und dann erst die Fremden! "Some people think they are always right. Others are quiet and uptight." Ja, ja, die Leute – niemand mag mich, und ich mag auch niemanden, und dafür hasse ich mich selber ur.

Wem derlei Jammerei banal erscheint – Julian Casablancas Leid an der Welt ist genau das. In seinen Songs gelingt ihm die Umsetzung einer wesentlichen Einsicht nicht: dass nämlich öffentlich gemachter Schmerz angesichts seiner Übermittlung überzeugen können muss (siehe: Soul-Musik) oder, wenn sich das mit der Leidenschaft nicht ausgeht, eine ironische Brechung der eigenen Waschlappigkeit kleine Wunder zeitigen kann.

Gerade in Casablancas Situation schiene dies nahe liegend. Immerhin handelt es sich hier um einen wohlhabenden Modepunk, der seit ein paar Jahren seinen ihm in die Wiege gelegten Knödel als Rockstar vervielfacht.

Julian Casablancas ist Sänger der US-Band The Strokes, und die erwähnten Gemeinplätze adoleszenter Konfusion bildet er in jenen 14 Songs ab, die das Album First Impressions Of Earth ergeben.

Aufgepoppt ist das Quintett mit einem enormen Hype. Die "wichtigste Band seit den Rolling Stones", titelte die Fachpresse vollmundig, während andere vermeinten, angesichts des Debüts Is This It nicht weniger als eine Reinkarnation von The Velvet Underground zu vernehmen. Die mediale Aufmerksamkeit sei so groß, "dass Osama Bin Laden eifersüchtig werden könnte", schrieb damals ein US-Kritiker. Das war, bitte schön, im Herbst des Jahres 2001!

Ausgelöst haben The Strokes diesen Wirbel mit einem entschlackten Gitarren-Rock, den sie in kompakte Dreiminüter portionierten und der trotz spürbaren Nachdrucks weder beim Autofahren noch im alternativen Formatradio störend wirkte. Dass die Vergleiche mit den ungleich einflussreicheren Altvorderen zwar richtig, aber überzogen waren, sollten nicht zuletzt bleierne Liveauftritte zeigen.

Auch das Folgealbum Room On Fire führte vor Augen, dass es sich bei den Strokes neben exzellenten Hype-Surfern vor allem um einen ganz normale Band handelt, die ein sicheres Händchen für formale Adaptionen aus der Pop- und Rockhistorie besitzt.

Lawinentreter ...

Damit allerdings sollten The Strokes Lawinen von bald "The"-Bands genannten Formationen lostreten, die seit damals mit der Wiederbelebung und dem Verkauf von prä- und postpunkischen Stilen ihre Häuser und Lofts warm halten.

First Impressions Of Earth ist in der Bandentwicklung trotz der anhaltenden lyrischen Hoppertatschigkeit das bisher beste Werk der New Yorker. Zwar überhebt man sich mit 14 Stücken dann doch um fünf bis sechs Songs, übrig bleibt jedoch ein Kern, dem tatsächlich eine eigene Handschrift anzumerken ist. Wenn die Zukunft einst schon in der Vergangenheit lag, dann ist die Band nun immerhin schon in der Gegenwart angekommen.

Etwa mit der vorab erschienene Single Juicebox, die mit einer forschen Basslinie überrascht, die ein wenig an eine mürrische Version der Signation der TV-Serie The Munsters erinnert. Außerdem traut sich Casablancas darin auch seine Stimme derart zu erheben, dass so etwas wie Glaubwürdigkeit entsteht.

Die Basis dafür liefert vor allem Gitarrist Nick Valensi: nicht nur, weil er meist den kürzesten Weg von A nach B weist. Selbst wenn er einen Umweg nimmt, also ein kleines Solo einbaut, bleibt er dabei nüchtern und wirkt nicht eitel-fingerflink.

... und Textzerdehner

Mit Ask Me Anything und dem darin vorkommenden Eingeständnis "I've got nothing to say" gelingt der Band sogar eine zart barock anmutende Ballade, die der Chronologie des Albums hübsch ansteht. Danach wird es jedoch langsam, aber sicher mühsam. Das Bummerl dafür gebührt Sänger Casablancas: Sein artifizielles Zerdehnen des Texts macht die formulierten Plattitüden nämlich nicht inhaltsschwerer, sondern dünnt sie nur noch mehr aus. Uuund auuhauuf Dauuuhueeer neeeheeervt daaas geeeheeewaaahaaaltiiihiiig! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.12.2005)