Selbst in einem Land, in dem vieles eine Nummer größer ist als anderswo, ist Gasprom ein wahrer Gigant. Der staatlich kontrollierte Gaslieferant ist Russlands größtes Unternehmen überhaupt. Der Einfluss reicht aber weit über die russischen Grenzen hinaus: Die Firma, die über die größten Gasreserven der Welt verfügt, deckt etwa die Hälfte des Gasbedarfs der EU. Rund 80 Prozent des Gases für die Länder der EU kommen aus einer Pipeline, die durch die Ukraine verläuft.

Juschtschenko im Dilemma

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko, der sich um einen engeren Anschluss an den Westen bemüht, befindet sich in einem Dilemma. Er kann von der EU keine große Unterstützung für seinen Widerstand gegen die Zahlung von Weltmarktpreisen für russisches Erdgas erwarten. Die Gemeinschaft hat die Ukraine kürzlich als Marktwirtschaft anerkannt, was in Kiew als Aufwertung des eigenen Status gefeiert wurde.

Russland hat sich mit Juschtschenko, der viele der alten Bande zu Moskau gekappt hat, von Anfang an nur widerwillig angefreundet. Längst ist klar, dass es bei dem Gasstreit nicht nur um wirtschaftliche, sondern vor allem auch um politische Erwägungen geht. Während nämlich die Ukraine jetzt ein Vierfaches des bisherigen Gaspreises bezahlen soll, wird Weißrussland nur ein Fünftel davon berechnet. Dort allerdings sitzt ein Kreml-treues Regime.

Sender übernommen

Es ist nicht das erste Mal, dass Gasprom sich in die Politik einmischt. 2001 übernahm das Unternehmen den wichtigsten unabhängigen Fernsehsender NTW - mit der Begründung, er habe seine Schulden bei Gasprom nicht zurückgezahlt. NTW hatte bis dahin stets kritisch über das Vorgehen Russlands in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien berichtet. Nach der Übernahme blieb diese Kritik aus. Derzeit berichtet NTW ausführlich über den Gasstreit mit der Ukraine und vertritt natürlich eindeutig die russische Position.

Die Gasvorräte von Gasprom liegen nach offiziellen Statistiken bei 28 Billionen Kubikmetern - mehr als 15 Prozent der weltweiten Reserven. Erzielt wurden aus Verkäufen im Jahre 2004 ganze 887,2 Milliarden Rubel (26,1 Mrd. Euro), und davon wurden 363,7 Mrd. Rubel (10,69 Mrd. Euro) Steuern entrichtet - etwa 13 Prozent des russischen Staatshaushalts 2004. (Jim Heintz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.1.2006)