Einer der großen Hintermänner im Southern-Soul: Eddie Hinton.

Foto: Zane Records
Wien - Kurz bevor Eddie Hinton am 28. Juli 1995 nur 51-jährig starb, gab er noch ein "Interview". Dabei lag der Musiker auf seinem Bett, den Rücken seinem fragenden Gast zugewandt und nuschelte die Antworten unverständlich in den Polster. Es waren dies Symptome einer manischen Depression, die zu Medikamentenabhängigkeit, Schüben von Unzurechnungsfähigkeit und schließlich einem frühen Tod führten.

Eddie Hinton war einer der großen Hintermänner im Southern-Soul und -Rock, der zu Lebzeiten ein nur schmales Werk veröffentlichte. Einen Namen machte sich der blonde Beau als begnadeter Ses- sionmusiker für die Allergrößten, die in den späten 60er-und frühen 70er-Jahren in den Fame Studios in Muscle Shoals, Alabama, ihre Hits aufnahmen: Elvis Presley, Aretha Franklin, Wilson Pickett, Otis Redding, The Staple Singers, Solomon Burke, Joe Tex, die Allmann Brothers, Dusty Springfield, Percy Sledge und viele mehr.

Songs aus seiner Feder interpretierten Künstler wie Bobby Womack, Cher, Dusty Springfield, Tony Joe White bis hin zu den Edel-Poppern UB 40. Doch als Hinton, noch vor Dan Penn definitiv der weiße Soulsänger, 1978 endlich als Solokünstler mit dem Meisterwerk Very Extremly Dangerous debütierte, war Soul aus der Mode gekommen - und seine Plattenfirma nach Erscheinen des Album bald bankrott. Hinton veröffentlichte in den ihm verbleibenden Jahren noch eine Hand voll Alben, die allesamt an der Grenze von Soul und Country-Rock angesiedelt waren, allein die öffentliche Wahrnehmung für seine Kunst blieb aus.

Das britische Label Zane-Records hat es sich vor fünf Jahren zur Aufgabe gemacht, Hinton und sein Werk vor dem Vergessen zu retten. Das fiel insofern leicht, als man etliche Studioaufnahmen fand, die Hinton für nie erschienene Alben oder im Rahmen von Sessions für andere Musiker aufgenommen hatte.

Nach spektakulär guten Veröffentlichungen wie Hard Luck Guy, Dear Y'all und Play Around ist nun die vierte posthume Sammlung von Hinton-Aufnahmen erschienen: Beautiful Dream. Anders als bei anderen Nachlässen, die meist eine Resteverwertung von zurecht vergessenen Dokumenten bedeuten, ist die Qualität von Eddie Hintons Erbe betörend. Wie auf allen seit 2000 erschienen Alben überzeugt Hinton mit einem Gesang, der ihm seinerzeit den Titel "The white Otis Redding" eintrug.

Backenbartgott

Zu eleganten Arrangements, denen er mit seinem charakteristischen, ökonomischen Gitarrenspiel Funk injiziert, croont, jubiliert und leidet der in Florida geborene Backenbartgott wie seine schwarzen Brüder - und besser. Schon Bob Dylan berichtete nach einem Zusammentreffen mit Hinton: "This guy is amazing." Dem ist brennenden Herzens zuzustimmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2006)