In den vergangenen Tagen sind im STANDARD zwei Beiträge erschienen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auf den zweiten Blick jedoch sehr viel.

Am 27. Dezember hat Gudrun Biffl im Kommentar der anderen zu Recht festgestellt, dass die Höhe der Bildungsbudgets in Relation zum BIP oder pro Studierenden noch nichts über die Qualität des Bildungssystems aussagt. Sie hat als Vergleich die Pisa-Erhebung herangezogen, die für das Schulsystem zeigt, dass "dieser Zusammenhang nicht sehr eng ist".

Und sie kommt zu dem Schluss, dass aus einfachen Indikatoren (wie zum Beispiel Studierendenausgaben pro Kopf) nicht geschlossen werden kann, "wie gut, effizient und zukunftsorientiert das österreichische Universitätsausbildungssystem ist".

Andreas Feiertag hat am 28. Dezember die viel diskutierten Betrügereien des südkoreanischen Klonforschers Hwang Woo Suk als ein Zeichen für "das Versagen der Kontrollmechanismen innerhalb der Scientific Community" interpretiert. Wenn man die immense Anzahl an eingereichten und Peer-reviewten Artikeln in den internationalen wissenschaftlichen Journalen bedenkt, so sind solche Einzelfälle klarerweise kein Beleg für ein Versagen in den Kontrollmechanismen der Scientific Community. Sie können jedoch sehr wohl als Signal für den zunehmenden Druck im Wissenschaftssystem gesehen werden.

Zu Recht hat die Steigerung der Hochschulbudgets aufgrund der stetig wachsenden Studierendenzahlen an Massenuniversitäten einen Legitimationsdruck erzeugt, den effizienten Einsatz von Ressourcen nachzuweisen; dieser Rechtfertigungsdruck wird durch den Einfluss der Europäischen Union auf bildungspolitische Maßnahmen ihrer Mitgliedsländer noch erhöht. Ebenfalls zu Recht wurden und werden Standards, Evaluationen, die Einrichtung von Controlling-Systemen gefordert (in Reaktion auf Pisa auch im Schulbereich).

Es ist verständlich und gut nachvollziehbar, dass Bildungsminister/innen einfache Indikatoren als Grundlage zur Verteilung von Budgets heranziehen wollen. Es scheint jedoch, dass der "Quantifizierungszug", der auf Schienen gestellt wurde und nun quer durch Europa fährt, nicht mehr völlig unter Kontrolle ist. Denn die Konsequenzen, die mit der Quantifizierung verbunden sind, werden bei der Festlegung der (an sich durchaus sinnvollen) Indikatoren offensichtlich nur wenig beachtet.

Zwei Beispiele -->

Ich will dies an zwei Beispielen aus dem Entwurf der Formelbudget-Verordnung des Bildungsministeriums erläutern. Dort werden im Bereich Forschung u. a. Drittmitteleinwerbungen vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) besonders gewichtet sowie die Anzahl der Doktoratsabschlüsse. Für beide bedeutet ein "mehr" ein höheres Budget für die Universität.

Daher ist zu erwarten, dass deutlich mehr Anträge an den FWF gestellt werden, der bereits jetzt eine Ablehnungsquote von etwa 80 Prozent aufweist (darunter befinden sich auch ausgezeichnet bewertete Forschungsanträge). In das Schreiben und Evaluieren von Anträgen fließt viel Zeit, Energie und Leistung - mit künftig noch weniger Chancen auf Erfolg.

Ablehnung von Anträgen (vor allem von solchen mit sehr guter Bewertung) führt verständlicherweise zu Frustration. Gleichzeitig sinkt die Motivation, immer mehr Zeit in Reviews zu investieren (dies betrifft auch die Zeitschriftenartikel; siehe Beitrag von Feiertag).

Ein Mangel an Erfolg wird aber auch zur Existenzbedrohung, da junge Wissenschafter/innen, die an ihrem "Output" gemessen werden (Publikationen in Peer-reviewten Journals - auch dort steigt die Ablehnungsquote - und Drittmitteleinwerbungen) an den Universitäten nur mehr befristete Verträge erhalten.

Ähnliches gilt für den Indikator "Anzahl der Doktoranden". Derzeit versuchen österreichische Universitäten durch die Einrichtung von Doktorandenkollegs, u. a. an der Universität Wien, den Anschluss an den angloamerikanischen Raum zu erreichen. Das bedeutet von der Intention her weniger Doktoranden (zumindest in Fächern wie der Psychologie), jedoch eine deutlich bessere Ausbildung für diese und ihren Einbezug in die Forschung der Universität. Mit dem Indikator "Anzahl an Doktoranden" komme ich als Dekanin jedoch in das Dilemma: weniger Geld oder bessere Ausbildung und höhere Qualität?

Durch ihren linearen Bezug zu Geld signalisieren Indikatoren, dass "mehr" ident mit "besser" ist. Es ist jedoch wohl zu bezweifeln, dass man viele Drittmittelprojekte gleichzeitig mit hoher Qualität durchführen und dass man viele gute Artikel mit wirklichem Erkenntnisgewinn pro Jahr schreiben kann.

Der Zusammenhang von Quantität und Qualität im Wissenschafts- und Bildungsbereich ist nur selten linear, sondern in der Regel am besten in Form eines umgekehrten U darstellbar: Ab einem bestimmten Punkt wird eine Erhöhung der Quantität mit einem Verlust an Qualität erkauft. Diese Punkte - für jede einzelne Universität, Fakultät, Disziplin - in den verschiedenen Bereichen auszuloten, an ihnen zu arbeiten und damit Standards zu entwickeln, dazu sind sowohl Bildungspolitik aber auch wir aufgefordert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2006)