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Die Tage des unbekümmerten Erdgaskonsums könnten gezählt sein: Russland hat sein Image als verlässlicher Gaslieferant beschädigt, der Westen sucht nach Alternativen.Foto: APA

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Noé Van Hulst, Internationale Energie-Agentur.

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STANDARD: Im russisch-ukrainischen Gasstreit ist eine Einigung erzielt worden. Wird sie halten?

Van Hulst: Das muss sich noch weisen. Gasprom sendet in Moskau Zeichen aus, dass sie ihre Verbindlichkeiten einhalten will. Russland hat sich in den letzten vierzig Jahren einen ausgezeichneten Ruf als verlässlicher Gaslieferant aufgebaut.

Allerdings hatte Gasprom mit Weißrussland schon vor einem Jahr ein ähnliches Problem. Auch wenn es weniger groß war als jetzt mit der Ukraine: Solche Vorgänge bedrohen den Ruf, und einen negativen Ruf wird man bekanntlich nicht so schnell los.

STANDARD: Gibt dieser der Gasstreit einen Vorgeschmack auf die unsichere Energiezukunft Europas?

Van Hulst: Er illustriert jedenfalls auf sehr konkrete Art, was die IEA seit Langem sagt: Die Abhängigkeit von einem einzigen Energieversorger birgt hohe Risiken. Insofern ist der Disput ein Weckruf für Gas verbrauchende Staaten, sich möglichst viel verschiedene Energielieferanten aufzubauen, und darüber hinaus ist natürlich auch eine bessere Diversifizierung in unterschiedliche Energieformen stärker als bisher gefragt.

Beim Gas stammt zum Beispiel noch etwas mehr als 50 Prozent der EU-Nachfrage aus eigenen Beständen (Großbritannien, Norwegen, Niederlande, Anm.). Um 2030 wird die westeuropäische Abhängigkeit durch Gaslieferungen von außen, vor allem Russland, zunehmend auch Nordafrika oder gar Iran, aber 80 Prozent erreichen, wenn gegen diesen Trend nichts unternommen wird.

STANDARD: Ändern die beiden neuen Pipelines durch die Ostsee und via die Türkei daran etwas?

Van Hulst: Die Ostsee-Pipeline kann nur teilweise helfen, indem sie die Abhängigkeit von einem Transferland verringert - die Produktion wird dagegen immer noch durch das gleiche Unternehmen, Gasprom, kontrolliert. Lieferanten mit einer monopolistischen Stellung suchen ihren Vorteil naturgemäß auszunutzen; deshalb rechnen wir damit, dass die Gaspreise in Westeuropa langfristig steigen werden.

STANDARD: Wird der Gasstreit auch die Ölpreise ankurbeln?

Van Hulst: Ich glaube nicht, dass es einen sehr direkten Einfluss geben wird. Seit Dienstag zeigt sich, dass die Märkte etwas nervöser reagieren. Aber das dürfte vorübergehend sein; strukturell dürfte der Druck auf die Ölpreise nicht zusätzlich steigen.

STANDARD: Nochmals zur Gasversorgung: Sollte Europa vermehrt in flüssiges Erdgas diversifizieren, das im Unterschied zum Pipeline-Erdgas per Schiff transportiert wird?

Van Hulst: Ja. Liquid Natural Gas (LNG, Anm.) ist weltweit im Kommen, und in den nächsten Jahrzehnten wird auch Europa verstärkt darauf setzen müssen. Denn es dürfte auch immer mehr aus verschiedenen Ländern kommen, das heißt nicht nur Russland, sondern zum Beispiel auch Katar oder Ägypten.

STANDARD: Deutschland und Österreich haben in Sachen LNG einigen Rückstand.

Van Hulst: Ich will nicht die Energiepolitik einzelner Länder beurteilen. Allgemein lässt sich sagen, dass diversifizierte Energiebeschaffung zu begrüßen ist. Wichtig ist, dass europaweit ein ausgeglichener Energiemix besteht, zum Beispiel auch dank einer saubereren Kohletechnologie. Dazu kommt das Wiederaufkommen der Kernenergie.

STANDARD: Deutschland hat aber den Atomausstieg gewählt.

Van Hulst: Einzelne Länder mögen individuelle Wege gehen, aber etwas ist klar: Die Abhängigkeit von einzelnen Energielieferanten zu verringern und gleichzeitig die Klimaerwärmung zu bekämpfen, wird ohne Kernenergie schwer sein. Sehr schwer.

STANDARD: Bisher versuchte Europa allgemein, von der totalen Erdöl-Abhängigkeit unter anderem mithilfe des Erdgases loszukommen. War das auch eine Illusion?

Van Hulst: Tatsache ist, dass unsere Abhängigkeit sowohl vom Erdöl als auch vom Erdgas in nächster Zeit steigen wird, und das ist nicht sehr positiv. Es gibt dagegen nur zwei Mittel: Erstens ein ausgeglichenerer Energiemix inklusive Kohlen-, Kern- und erneuerbarer Energie, und zweitens eine viel bessere Nutzung von Öl und Elektrizität, darunter starke Maßnahmen zum Energiesparen.

STANDARD: In den jüngeren bewaffneten Konflikten, so etwa in Tschetschenien, Afrika oder Irak, spielte Energie zumindest im Hintergrund immer eine Rolle. Kann ein Energienotstand zum nächsten Weltkonflikt führen?

Van Hulst: Vergessen wir nicht, dass diese Frage im Nahen und Mittleren Osten schon in den 60er- und 70er-Jahren eine wichtige Rolle spielte. Aber es gibt schon eine steigende Tendenz, dass sich die Konsumentenstaaten um die Rohstoffe des Planeten reißen.

Die großen Wirtschaftsmächte wie USA, EU, Japan und neuerdings auch China und Indien werden mit zunehmendem Wachstum mehr und mehr abhängig von Energieimporten aus Gegenden wie Russland, dem Mittleren Osten oder Nordafrika. Das schafft Raum für zusätzlichen Druck. Ich hoffe, diese Spannungen werden sich in Grenzen halten lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.01.2006)