Wien/Belgrad - Von der Aufregung über drei umstrittene Plakate des Projekts "Peace gerollt" im Rahmen der "25 Peaces" bleibt "eine Gefahr für die Freiheit der Kunst, für Kunst im öffentlichen Raum, für zukünftige Kunst-Subventionierung in Österreich sowie ein Vertuschen verschiedenartiger politischer Probleme". Dieses Resümee zog die Künstlerin Tanja Ostojic, die mit dem von David Rych aufgenommenen Bildnis ihres nur mit einer blauen EU-Unterhose bekleideten Unterleibs einen großen Teil der Medienaufregung abbekommen hat.

Dass die Bilder von den "Rolling Boards" am 30. Dezember 2005 nach tagelanger Kritik in den Medien und auch von PolitikerInnen von FPÖ und SPÖ in Wien entfernt worden sind, "bedeutet für mich persönlich nichts. Ohne jeden Zweifel ist es Zensur, die für die Zukunft der Kunst in Österreich Gefahren birgt - im Speziellen für Kunst mit politischem Inhalt, kritische Kunst, Künstlerinnen sowie Künstler von außerhalb der EU".

Sexismus-Vorwürfe neu

Ihr in der letzten Woche des Jahres 2005 plötzlich ins Licht der Medienaufregung gerücktes Werk war schon mehrere Male - u. a. auch in Österreich bei der Ausstellung "Double Check" in Graz - im Kunstbereich und bei Universitätsvorträgen öffentlich zu sehen, betonte Ostojic. "Mehrere feministische Theoretikerinnen haben über mein Werk geschrieben", ein Diskurs über Sexismus wurde in den zuvor genannten Kontexten jedoch nie aufgeworfen. "Und ich bin sicher, dass dies auch nicht zutrifft", so Ostojic zu den Sexismus-Vorwürfen gegen ihr Werk, bei dem sie wie in ihrer Arbeit "Looking for a husband with EU passport" (2000-2003) selber zu sehen ist. "Meine Erfahrung sagt mir, dass es die innere Message eines Werkes ist, die eigentlich die Provokation auslöst, und nicht die Direktheit meines weiblichen Körpers".

Oberflächliche Kampagne

Die "Kronen Zeitung" hat dieses Werk "als pornografisch bezeichnet, obwohl es keine sichtbaren Geschlechtsorgane auf dem Bild gibt" und die Zeitung täglich "Bilder nackter Frauen mit einer explizit erotischen Intention" veröffentlicht, meinte die Künstlerin. Die "Krone" habe mit dieser "oberflächlichen Kampagne" ihre Auflage gesteigert. "Ein Großteil der übrigen Presse hat unintelligenterweise die Definition als Medien-Skandal übernommen".

Betrifft: Ausschließungs-Politik der EU

Die Künstlerin bezeichnete es als "irgendwie ernüchternd", dass "selbst oppositionelle Gruppierungen die subversiven Elemente, die dieses Werk beinhaltete, nicht lesen noch auf diese verweisen konnten, sondern vielmehr den Medienskandal-Slang der 'Krone' wiederholten". Die möglichen Interpretationen seien jedenfalls "vielfältig, je nachdem, wer es anschaut: Die Geburt einer Einheit für die einen, die Verhinderung derselben für andere, oder für einige die vermehrten Schwierigkeiten, nicht ebenfalls unter der 'neuen Decke' zu sein". Auf Grund der "zunehmenden Kontrolle" von Nicht-EU-BürgerInnen würde die "Einwanderungsbehörde bei Ehen von EU-BürgerInnen und Nicht-EU-BürgerInnen sogar die Wärme von Bettlaken überprüfen", erläuterte Ostojic in ihrem Email aus Belgrad. Die Frau auf Ostojics Bild, das sich auf Gustave Courbets "L'Origine du monde" (Der Ursprung der Welt, 1866) bezieht, liegt zum Teil von Laken bedeckt in einem Bett. Ostojic setze mit dem Werk "den kritischen Blick auf die Ausschließungs-Politik der EU" fort.

Keine "Werbung" für die EU

Als "hoch problematisch" bezeichnete Ostojic den "großen Rahmen", in dem die "25 Peaces" die Werke präsentiert haben. "Wenn das Ziel war, eine glatte Werbelinie zu kreieren, dann hätte das Konzept nie aus dem Büro der Spin Doctors ins offene Feld der Kultur kommen dürfen". Ihre Poster hätten nicht als "Werbung für die EU" dienen sollen. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit europäischer Geopolitik sollte "kritischen Positionen offen stehen, da diese individuelle Standpunkte widerspiegeln".

Mangelndes Wissen

Kritik übte Ostojic an den KuratorInnen des "Peace gerollt": Diese hätten "die Medien mit detailliertem Pressematerial über den Inhalt jedes einzelnen Werkes" versorgen sollen, damit die Öffentlichkeit Zugang zu dieser Information haben hätte können, findet Ostojic. "Wissen und Bildung neutralisiert oder zumindest minimalisiert einen reaktionären Ausbruch".

Das Werk sei nach seiner Entfernung umso mehr in digitalen Medien verfügbar, und Ostojic hofft, dass nun "eine konstruktivere und intellektuellere Debatte" stattfinden möge. Das Absurde am Entfernen der Bilder von den Rolling Boards aus "moralischen Gründen" sei, dass dies "einzig als Manifestation offizieller politischer Macht" diene, jedoch den Zweck verfehlte: Denn "eigentlich hat dies den Inhalt bis in die letzten Winkel der Gesellschaft vervielfältigt". (APA)